Nachdem Anne Baas den ersten Tweet abgeschickt hatte, ahnte sie, dass viele Menschen darauf reagieren würden. Sie hatte mit sorgenvollen Kommentaren gerechnet, mit Gerüchten, auch mit Panikmache. Was sie nicht erwartet hatte, war diese unendliche Wut, dieses Ausmaß an Beleidigungen und Anschuldigungen.

Die 36-Jährige hatte ihren freien Tag, war zu Hause, als sie am Samstagnachmittag einen Anruf ihrer Kollegen von der Polizei Mannheim erhielt. Sie sagten ihr, sie müsse reinkommen, ein Mann sei in der Heidelberger Altstadt mit einem Auto in eine Menschenmenge gefahren, es gebe Verletzte, vielleicht Tote. Anne Baas machte sich sofort auf den Weg, der Fall fiel in den Zuständigkeitsbereich der Polizei Mannheim. Baas arbeitet erst seit November dort, gehört zum Social-Media-Team. Sie ist die Einzige, die keine Polizistin ist. Baas hat eine Verwaltungslaufbahn bei der Stadt hinter sich, danach pflegte sie die sozialen Netzwerke eines Buchverlages.

Im Büro des Polizeipräsidiums klappte sie ihren Laptop auf, legte ein Tablet auf die eine, ihr Handy auf die andere Seite, öffnete Twitter, Facebook, WhatsApp. Um 18.04 Uhr twitterte sie unter dem offiziellen Polizei-Account, der Tatverdächtige sei gestellt und angeschossen. Sie schrieb nichts zur Herkunft des Täters. Doch einige Nutzer schienen auch so zu wissen, dass es sich um einen Ausländer handeln musste. Einer wollte nur wissen: "Welchen Migrationshintergrund hat der versuchte Mörder?" Der User NanoFi44 forderte: "Verstärkte Abschiebung muss von allen Bundesländern eingehalten werden ! Kein weiterer Zuzug !"

Anne Baas war irritiert: "Ich verstand den gedanklichen Brückenschlag nicht. Was hatte mein Tweet mit der Forderung nach Abschiebung zu tun?" Also fragte sie NanoFi44: "Was willst du uns mit diesem Tweet sagen? By the way: Keine Leerzeichen vor dem Ausrufezeichen!!!" NanoFi44 antwortete nicht mehr.

In den folgenden Stunden heizte sich die Stimmung bei Twitter immer weiter auf, ein wütender Mob zog durch das soziale Netzwerk, skandierte fremdenfeindliche Parolen, beschimpfte Staat und Justiz, forderte Vergeltung. Und Anne Baas, die nie gelernt hatte, wie mit einer solchen Situation umzugehen sei, konterte.

"Kann sein", sagt sie zwei Tage nach dem Vorfall am Telefon, "dass ich den klassischen Polizeisprech noch nicht draufhabe. Ein solches Verhalten kannte ich von meiner Zeit beim Buchverlag ja nicht." Sie habe einfach spontan reagiert.

Als der Absender Luduan die Nachricht verbreitete: "Eil: Laut Freunden bei der Polizei ist der angeschossene Täter von #Heidelberg ein sogenannter #Flüchtling", schrieb Baas zurück: "Nö, ist er nicht."

In der Zwischenzeit war eines der Opfer, ein 73-jähriger Mann aus Heidelberg, seinen Verletzungen erlegen. Die Polizei hatte zudem herausgefunden, dass es sich bei dem Täter um einen 35-jährigen Deutschen handelte. Das teilte Baas, sobald sie die Informationen hatte, auch via Twitter mit. Es interessierte nur niemanden.

Einer wollte nun das "Rasse-Merkmal" des Mannes erfahren, ein anderer seinen Stammbaum sehen. Denn: "Passdeutsche sind keine Deutschen !", pflichtete ihnen der Nächste bei. Der Nutzer felsenkiefer forderte Anne Baas auf: "Wie sieht der Täter aus was für Herkunft hat der Täter? Erzählen Sie die ganze Wahrheit oder halten Sie ihr Maul." Baas entgegnete: "Gute Kinderstube vergessen oder nie genossen?"

Ihre Antworten auf die Kommentare waren zwar lässig und humorvoll. Dennoch, sagt Baas, sei sie schockiert gewesen von dem Hass und der Härte, mit der sie attackiert worden sei. "Aus den Tweets sprach so eine Wut. Da überlegte ich schon: Wo kommt diese Wut her?"

Als ein Nutzer besonders ausfällig wurde und vom Tatverdächtigen behauptete: "He’s a fucking Muslim", reichte es Anne Baas. Sie schrieb zurück: "WTF are you talking about?" (WTF für What The Fuck) – "Wovon, verflucht noch mal, reden Sie?"

Im Netz empörten sich daraufhin Menschen, eine solche Sprache sei der Polizei nicht angemessen. Anne Baas sagt: "Ich finde diese Sprache der Polizei voll und ganz angemessen." Es habe sie vielmehr verwundert, dass einige Leute der Ansicht gewesen seien, ihre Tweets seien hart: "Ich fand sie eigentlich ganz normal."

Gegen Mitternacht beendete Anne Baas ihre Schicht. Sie fuhr nach Hause, erschöpft, irritiert, schockiert auch. Es seien, sagt sie, nicht einmal die vielen Pöbeleien und Beschuldigungen gewesen, die ihr zugesetzt hätten. Die werden jetzt von ihren Kollegen auf den Straftatbestand der Beleidigung und der Volksverhetzung hin überprüft. Was Anne Baas wirklich fassungslos gemacht hat, war etwas anderes: "Da ist ein Mensch gestorben", sagt sie. "Und ich verstehe nicht, weshalb das in diesem Moment kaum jemanden zu interessieren schien."