Wer Neues will, muss sich zu wehren wissen. Der Reformator hat das früh erkannt und sich mit groben Worten gegen die feinen Verteidiger des Althergebrachten zur Wehr gesetzt. Denn Martin Luther wollte die lateinische Bibel nicht einfach durch eine deutsche ersetzen, sondern, und das war das wirklich Neue: sie "auf gut Deutsch", in einer eigenen, unverwechselbaren, anrührenden und klaren Sprache noch einmal erschaffen.

"Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über." So lautete einer seiner frei übersetzten Bibelverse, den die Lateiner der damaligen Zeit ganz falsch fanden, und damit hatten sie auf ihre Weise auch recht. Wörtlich übersetzt hätte die Stelle aus dem Neuen Testament heißen müssen: "Aus dem Überfluss des Herzens redet der Mund." Doch Luther fand, so rede kein Mensch. Einen "Überfluss des Herzens", hielt er seinen Kritikern entgegen, gebe es im Deutschen ebenso wenig wie einen "Überfluss des Kachelofens". Das sei kein Deutsch! Er aber befleißige sich, "gut deutsch" zu reden, was ihm zwar nicht immer gelinge, doch: "Die lateinischen Buchstaben hindern über die Maßen, sehr gutes Deutsch zu reden."

Gut deutsch zu reden, das gelang ihm 1522 mit seiner Version des Neuen Testaments besser als allen Übersetzern zuvor und vielleicht sogar allen danach. Er überwand den schwerfälligen Stil der Vulgata, der damals gängigen lateinischen Gebrauchsbibel, durch eine Sprache, die zugleich lebensnah und literarisch, bodenständig und himmelhoch war. Seine Methode: sich genauestens in die griechischen und hebräischen Urtexte zu vertiefen; sich dann frei zu machen vom buchstäblichen Wortlaut, um den tieferen Sinn zu erfassen; und schließlich den Mut zu haben, das ewige Wort des Evangeliums in eigene Worten zu kleiden. Selbst Friedrich Nietzsche, der vom Glauben abgefallene Pfarrerssohn, schwärmte 300 Jahre später noch von Luthers Genie.

Deshalb ist auch heute das Interesse der Deutschen groß, wenn eine Lutherbibel 2017 erscheint. Die letzte, von der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) abgesegnete Ausgabe stammte von 1984. Zum Reformationsjubiläum erschien im vergangenen Oktober eine Revision dieser Revision, deren erste Auflage von 260.000 Exemplaren schon im November vergriffen war. Jetzt sind weitere 260.000 gedruckt. Dem schlechten Ruf Deutschlands als entchristlichte, von Kirchenaustritten gebeutelte Gegend zum Trotz hängt die Nation offenbar doch am kanonischen Text. Sei es, weil sie die Lutherbibel als Kulturklassiker sieht. Sei es, weil man die neueste Lutherbibel nun einmal haben muss.

"Sie halten ein Stück Menschheitsgeschichte in der Hand", schreibt der Ratsvorsitzende der EKD im Vorwort und zählt die Geschichten, Liebesgedichte, Gebete, Predigten auf, aus denen das Buch der Bücher besteht. "Die Bibel ist eine ganze Bibliothek."So ist es seit Anbeginn – aber diese Lutherbibel enthalte wieder mehr Luther, die Zeiten des forschen Verständlichmachens sind also vorbei.

In den siebziger Jahren hatten die Revisoren noch grandiose Verschlimmbesserungen vorgenommen, so tilgten sie den Phraseologismus "sein Licht unter den Scheffel" stellen und ersetzten ihn durch "sein Licht unter den Eimer" stellen. Die Begründung: Heute wisse niemand mehr, was ein Scheffel sei. Das Problem: Es merkte trotzdem jeder, dass die Korrektur peinlich war. Der Schriftsteller Walter Jens rief: "Mord an Luther!" Die Gemeinden protestierten. Und bald wurde die ganze Ausgabe von 1975 nur noch als "Eimer-Testament" verspottet.

Neu ist eben nicht gleich neu. Und nur neu kann auch banal sein, so wie jene Weihnachtsgeschichte, in der es nicht mehr hieß "dass alle Welt geschätzet würde", sondern "alle Welt sollte sich für die Steuer eintragen lassen". Mit solchem Modernisierungsfuror macht die EKD nun Schluß. Nach den Bibelfälschern kommen die Bibelretter und besinnen sich auf das Sprachgenie Luther, dem die Deutschen einige ihrer schönsten Wortschöpfungen verdanken: Feuereifer, Lockvogel und Lästermaul; im Dunkeln tappen, ein Machtwort sprechen, etwas ausposaunen und friedfertig sein.

Was sich heute so eingängig liest, so als könnte es gar nicht anders sein, war das Ergebnis harter Arbeit. Man darf sich nicht davon täuschen lassen, dass Luther in seinem erzwungenen Exil auf der Wartburg in nur elf Wochen das gesamte Neue Testament übertrug. Am Alten Testament arbeitete er mehrere Jahre, zusammen mit Melanchthon und einem ganzen Redaktionsteam. Luther berichtet, sie hätten oft wochenlang ein einziges Wort gesucht und manchmal nicht gefunden. Wenn nun aber der Bibelleser mit den Augen durch die fertigen Seiten gehe, merke er gar nicht, "welche Steine und Klötze" da vorher lagen. "Wir haben schwitzen und uns sorgen müssen, bis wir die Steine beseitigt haben."