Wann kommt der Umsturz? Wenn die Machthaber seit vielen Jahren in ihren Palästen sitzen und nicht mehr mitbekommen, wie sich draußen die Stimmung gegen sie wendet. So war es beim französischen König, beim russischen Zaren und bei einem deutschen Bundeskanzler. So war es – mit geringeren weltpolitischen Auswirkungen – auch bei der Hamburger Handelskammer, wo die Rebellen vor wenigen Tagen bei der Plenarwahl 55 der 58 Sitze eroberten und jetzt "jeden Stein umdrehen" wollen, wie der designierte Präses Tobias Bergmann vergangene Woche in der ZEIT ankündigte.

Drinnen, im prachtvollen Gebäude, saßen zwei Herren, die nicht wahrhaben wollten, wie draußen unter ihren Mitgliedern ein Sturm aufzog. Präses Fritz Horst Melsheimer, ein früherer Versicherungschef, wollte sich von den Kritikern überhaupt gar nichts sagen lassen, auch als die bereits vor Gericht gezogen waren, um die Kammer zur politischen Neutralität zu verpflichten. Er wetterte trotzdem weiter vom Rednerpult herab gegen direkte Demokratie und Radwege. Als er vor Gericht verlor, war seine Reaktion vor allem: trotzig. Er werde es sich "von niemandem nehmen lassen", klar und deutlich zu sprechen, sagte er. Und ging in Berufung.

Hans-Jörg Schmidt-Trenz, seit mehr als zwei Jahrzehnten der Hauptgeschäftsführer, wird vom Hofstaat mit seinem Professorentitel angesprochen. Sein Gehalt von rund einer halben Million Euro im Jahr (gut zweieinhalbmal so viel wie der Bürgermeister) stand schon mächtig in der Kritik, als es 2015 trotzdem noch mal deutlich auf 530.000 Euro stieg, finanziert aus den Gebühren der Mitglieder. Dazu äußern wollte Schmidt-Trenz sich nicht. Auf kritische Berichterstattung reagiert er vor allem: majestätsbeleidigt.

Die Frage ist: Musste es so weit kommen, dass eine Hamburger Bastion von den Rebellen gestürmt wird? Und haben möglicherweise die besonderen hamburgischen Verhältnisse ihren Anteil daran, dass manch Wirtschaftslenker den Bezug zur Gegenwart verliert?

Ole von Beust, Bürgermeister von 2001 bis 2010, beschreibt die Gesellschaft der Stadt so: "Es gibt in Hamburg bestimmt 200 bis 300 Leute, die sich bei allen Anlässen immer wieder treffen und überzeugt sind, die Elite der Stadt zu sein. Viele sind sehr nett, angenehm und engagiert, aber es ist sehr homogen. Man bestärkt sich gegenseitig. Diese Art von Gesellschaft fördert die Identität, aber die Durchmischung fehlt, man braucht dringend neue Gesichter."

In keiner anderen deutschen Stadt ist es für die oberen 300 so einfach, unter sich zu bleiben. Es gibt eine Reihe feiner Institutionen (Clubs, Sportvereine, Bälle und Galadinners), wo sich seit Jahrzehnten vor allem dieselben Männer begegnen und sich, zumindest vordergründig, ihrer Wertschätzung versichern. Die Elite der Stadt gleicht in großen Teilen einer geschlossenen Gesellschaft, genauer gesagt: einer sich selbst verschließenden.

Ein Manager, der heute eine der bekanntesten Hamburger Marken führt, erzählte vor einiger Zeit mit leichtem Schaudern: "In Frankfurt wurde ich von der Stadtgesellschaft mit offenen Armen empfangen, die Leute waren neugierig auf mich und haben mich gleich eingeladen. In Hamburg fühlt man sich wie ein Fremdkörper, der die natürliche Ordnung stört."

Liegt es daran, dass Hamburg nicht nur eine Millionenstadt ist, sondern zugleich eben auch ein Kleinstaat, dem es an Durchlüftung mangelt? Dass viele hier ihr ganzes Leben verbringen und stolz drauf sind, nie wegzuwollen, allenfalls für ein paar Lehrjahre? Dass manche Vertreter der besseren Kreise sich hier schon seit der Schulzeit im Johann- oder Christianeum kennen? Dass manche keine neuen Bekanntschaften suchen, weil sie "komplett sind", wie sie es Neulingen auch noch sagen?