Anruf bei der Mutter am Sonntagvormittag. Die Sonne scheint nach Tagen mal wieder. Mein Wochenende war langweilig, weil ich faul war. Ich fühle mich untätig, unsportlich und bin gesundheitlich angeschlagen.

Sie: Hallo, Mausi!

Ich: Halloooo. Wie war das Essen gestern?

Sie: Ganz toll! Entspannt! Sehr nett!

Ich: Okay.

Sie: Alle waren da. S., C. mit Freund, N. ...

Drei Sekunden Pause.

Sie: Und H.

Ich: Ah ja, nett.

Sie: Sehr, ja! Auch mit ihm. Echt so schön.

Ich: Mhm.

Sie: Na gut, ich jogge mal weiter.

Ich: Yo. Tschüss.

In der Tram.

Mann: Feige nenn ich das.

Niemand reagiert.

Mann: Feige. Feige. Feige.

Jetzt merke ich, wie er mich anstarrt.

Ich: Wie bitte?

Er: Feige nenn ich das!

Er schüttelt den Kopf.

Ich: Ich bin feige? Wieso?

Er: FEI-GE.

Langsam verliere ich die Geduld. Eine Frau gegenüber zwinkert mir zu, gibt mir zu verstehen, ich solle mich nicht darauf einlassen.

Ich: Wieso bin ich denn feige?

Er: Ihr alle seid das! Schaut euch doch an mit euren dämlichen Geräten in der Hand! Wie Idioten. Lemminge. Früher hat man miteinander gesprochen. Da hat man sich getroffen, um Dinge voneinander zu erfahren. Kein Wunder, dass sich die ganze Welt nur noch missversteht.

Er verzieht sein Gesicht. Jetzt sieht er aus, als sei er gelähmt. Seine Finger bewegen sich in der Luft, als würde er tippen. Die Zunge lässt er aus dem Mundwinkel hängen, fast tropft Speichel auf seinen Pulli. Ich schäme mich für ihn, für mich, werde rot und verlasse die Tram.

WhatsApp-Gespräch mit Freundin.

Ich: Hab so einen Kater. Von vier Wein ...

Sie: Wo warst du?

Ich: Auf dieser Magazin-Party.

Sie: Ah ja. Und?

Ich: Nett. Interessant.

Sie: Ja?

Ich: Ach, ich sag ja so was fast immer ab. Und wenn man dann mal da ist, sieht man, wie unsicher alle anderen eigentlich auch sind.

Sie: Ach so, ja klar.

Ich: Ich denke halt so oft in meiner eigenen kleinen, einsamen Bubble, ich sei das einzige uncoole, erfolglose Opfer in der Branche.

Sie: Ja, ja, hahaha!

Ich: Natürlich sind die alle nicht unsicher und auch eher sehr erfolgreich als erfolglos. Aber hat zumindest gutgetan, aus der Nähe zu sehen, dass das auch nur Menschen sind.