Daniel Neugart zeichnet einen Kreis an die Wandtafel. "Wir", schreibt er dazu. Vom Kreis weg zeichnet er Pfeile in alle Richtungen. Energisch fragt er in die Runde: "Wer sind unsere Gegner?" – "Rentner", sagt einer. Neugart notiert. "Jüngere", sagt ein anderer. "Ausländer!", ein Dritter. Neugart schreibt weiter: "Asylanten, Flüchtlinge." Er sagt: "Ich will niemanden gegeneinander ausspielen". Er wolle einfach die Realität aufzeigen.

Menschen, die älter sind als 50, gelten als besonders gefährdet, ihre Stelle zu verlieren. Sie werden als Abgehängte bezeichnet, als Verlierer der Globalisierung, als Opfer der Digitalisierung. Ihre Stimmen waren im Februar 2014 ausschlaggebend für das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative der SVP.

Wer aber sind diese Ü-50er, die arbeitslos geworden sind – und was bewegt sie?

Daniel Neugart, 55, ist ein Mann mit Bürstenschnitt und sportlicher Brille. Es ist ein Samstagvormittag Ende Januar in der Altstadt von Rheinfelden. Neugart hat vor dem kleinen Seminarraum seines Verbandes Save 50Plus einen Flipchart aufgebaut. Hier können alle, die kommen, ihren Vornamen aufschreiben. Bald beginnt der "50Plus Parcours", ein "Workshop für Vorwärtsmenschen". Der Raum füllt sich rasch mit Neumitgliedern und alten Bekannten. Sie alle haben ihre Stelle verloren. Neugart begrüßt mit einem Standardwitz: "Ich bin Daniel, und ich bin hier, weil dieser Job noch frei war." Dann bittet er die Anwesenden, sich vorzustellen.

Unter ihnen: Urs-Christian, 52, Maschinenbauingenieur aus Zürich, weißer Rollkragenpullover und Pilzfrisur, seit 16 Monaten auf Jobsuche. Max, 55, selbstständiger Personalvermittler aus dem Kanton Schwyz, helles Hemd, hohe Stirn, seit 2013 ohne Arbeit. Doris, 51, kaufmännische Angestellte aus der Region Bern, kurzes, graues Haar, bunter Schal, hat ihre Stelle bei einer Gewerkschaft im Februar 2015 verloren. Daniel, 53, aus dem Raum Zürich, gepflegter Haarschnitt, casual gekleidet, soeben bei einer Bank rausgeflogen, weil Stellen abgebaut wurden.

Urs-Christian, Max, Doris und Daniel wollen aktiv werden und endlich wieder eine Arbeit finden. Mit der Unterstützung der regionalen Arbeitsvermittlungsämter (RAV) sind sie unzufrieden, Sozialhilfe möchten sie nicht beantragen. Deshalb haben sie sich entschieden, an Neugarts "Selbstintegrationsprogramm" teilzunehmen. Einen Monat lang, für 2.600 Franken pro Person.

Wie viele ältere Menschen in der Schweiz arbeitslos sind, ist nicht genau bekannt. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) zählte in den vergangenen Jahren bei den über 50-Jährigen eine tiefe Arbeitslosenquote, meist weniger als drei Prozent. Registriert werden jedoch nur Personen, die beim RAV gemeldet sind. Das Bundesamt für Statistik (BfS) ermittelt die Zahlen der Erwerbslosen in einer Telefonbefragung. Auch hier zeigt sich keine starke Zunahme.