In der Studie Was ist gute Arbeit? sagten 73 Prozent der Befragten, sie wollten etwas Sinnvolles tun. Sinn im Beruf toppt Anerkennung, Abwechslung und Aufstiegschancen.

Zeitschriften und Fernsehmagazine propagieren das Ideal des Umsteigers, der seinen "Alltagsjob" hinschmeißt, um etwas "ganz anderes" zu machen, etwas, was ihn "erfüllt". Damit wird die Sinnsuche einer privilegierten Gruppe auch zum Thema für den Bäcker selbst: Sie wertet seine Tätigkeit ab.

Wirklich sinnvoll erscheinen vielen nur noch Tätigkeiten, die die Welt im großen Stil verändern. Die Kriege beenden. Alle. Sofort. Das Medikament erfinden, das Krebs heilt, ohne Nebenwirkungen ist und erschwinglich für jedermann. Alles darunter ist zu klein-klein.

Ich habe Jura studiert. Viele entschließen sich zu einem Jurastudium, weil sie den Film Der Regenmacher gesehen haben, nach dem Roman von John Grisham. Darin kämpft ein Junganwalt für eine Mutter, deren Kind an Leukämie erkrankt ist, gegen die übermächtige Krankenversicherung, gegen eine Phalanx eiskalter Kollegen. Er gewinnt und erstreitet 50 Millionen Dollar für Mutter und Kind. Das steht im gewaltigen Gegensatz zum Berufsalltag von Richtern und Rechtsanwälten. Viele Alltagsfälle verlaufen nach diesem Schema: A ist B hinten draufgefahren, Stoßstange kaputt. B will neue Stoßstange. Natürlich geht es nicht nur um Verkehrsunfälle. Aber ehemalige Kommilitonen von mir zweifeln an ihrer Berufswahl, weil sie nicht in Den Haag Kriegsverbrecher vor den Internationalen Strafgerichtshof stellen, sondern "nur" in Hannover für Gerechtigkeit sorgen. Mit einer Teilzeitstelle.

Wir betreiben Feuerwehren, um Brände zu löschen, nicht um die Kindheitsträume der Feuerwehrleute zu erfüllen.

Mich betrübt, dass wichtige Dienste in ein Schattendasein geraten, weil sie zu nah, zu normal erscheinen. Wir brauchen nicht nur Leute, die eine Schule in Uganda gründen, sondern auch solche, die Kindern in Stuttgart das Lesen beibringen.

In manchen Berufen hat man mehr Einfluss als in anderen. Die Bundeskanzlerin greift stärker in das Weltgeschehen ein als ihr Apotheker. Es spricht ja auch nichts dagegen, dass jemand nach mehr Einfluss strebt. Hohe Ziele, Weiterentwicklung – das ist gut. Doch wenn wir nur die Sterne sehen und alles darunter uns als alltäglich, banal, wegen Geringfügigkeit "sinnlos" erscheint – dann entwerten wir nicht nur wichtige Tätigkeiten. Wir laufen auch Gefahr, uns selbst ins Unglück zu stürzen. Denn das Leben besteht aus Alltag, sogar für die Bundeskanzlerin.

Manche sagen "sinnlos" und meinen bloß, dass sie ihre Tätigkeit uninteressant oder lästig finden. Das ist Geschmackssache. Die Bloggerin will nicht unbedingt mit der Tischlerin tauschen – und umgekehrt. Mit Sinn hat das nichts zu tun. Man kann nicht ganze Berufsgruppen für überflüssig erklären, bloß weil einem diese oder jene Arbeit nicht liegt.

Steht die Sinnfrage einmal im Raum, wird man sie kaum wieder los. Da können andere noch so oft sagen: "Deine Arbeit ist sinnvoll." Wir denken doch: "Für euch vielleicht, aber nicht für mich." Denn letztlich suchen wir nicht bloß den gesellschaftlichen Sinn in unserem Tun, sondern den ganz großen: den Sinn unseres Lebens.