Horror kann ja sehr langweilig sein. So zum Beispiel, wenn im Film zum tausendsten Mal, von Gruselgeigen umzittert, das gefährliche Fremde eindringt in die Kleinstadt oder Kernfamilie. In Luise Boeges Erzählungen hingegen, die sich wie der vor zwei Jahren erschienene, sprachverrückte Debütroman Kaspers Freundin mit Witz im Spielraum des Unheimlichen bewegen, kommt das Fremde oft nicht von außen, sondern steigt von innen aus den Tiefen der Figur empor. So wird in der Erzählung Ratgeber für einen Afrikareisenden ein junger Mann von der Vorstellung infiziert, der böse Wurm, vor dem der Ratgeber warnt, beiße sich bereits durch seinen Körper. Dabei hat die Reise noch nicht einmal begonnen. Was man tun soll, wenn sich der Wurm aus dem Fuß ins Freie gefressen hat, formuliert der Ratgeber so: "Es gilt, nicht den Kopf zu verlieren. Den Kopf verliert man leicht, wenn man den Wurm erblickt."

Wenn Walter Benjamin bei Robert Walser das Gefühl befiel, dessen Figuren seien Genesende, die Nacht und Umnachtung gerade hinter sich hätten, so scheint es bei Luise Boege umgekehrt. Ohne es selbst zu begreifen, vollzieht sich in ihren Figuren die Inkubation eines Irrsinns, der Geist und Sprache ebenso ergreift wie Leib und Liebe. Die Grundverrückung des Denkens, die dabei entsteht, zeigt sich oft in einem Satz. So heißt es in der Titelerzählung, einer der gelungensten des ganzen Bandes: "Den Eltern meiner Tochter blieb das meiste verborgen." Vier Worte braucht es, bis sich der Erzähler den Boden unter den Füßen wegzieht. Denn wer hier spricht, ein Vater, dem das Erziehungsrecht entzogen wurde oder gar das ganze Leben, bleibt ein Geheimnis.

Ähnliches geschieht, wenn die Erzählerin des Open-Mike-Gewinner-Textes bei einem Hustenanfall des titelgebenden Optophoneten sagt: "Ich fürchte, er könnte sterben, traue mich aber nicht, auf seinen Rücken zu klopfen." In der Verweigerung des lebensrettenden Rückenklopfers tritt die zentrale Ungewissheit der Geschichte ans Licht, ob ein Optophonet eigentlich ein Beruf ist oder ein ekelhaftes Lebewesen.

Fast alle Geschichten erzählen davon, wie die Lücke zwischen einem Ich und dem Rest der Welt komisch aufzuklaffen beginnt. Da diese Lücke meist kommunikativ geschlossen wird, haben die Figuren oft Sprachstress, wissen beispielsweise nicht, wie man spricht, oder klopfen Sprüche in einer ausgedachten Sprache, die selbst der Liebste nicht versteht. Gelegentlich führt das zu freejazzartig verruckelten Sätzen. Muss man mögen, sagt der Hamburger. Wer allerdings nicht darauf pocht, dass die Sprache einer Geschichte allein der Handlung zu dienen habe, sondern auch der Klangraum dessen sein kann, was sich in Handlung nicht auflösen lässt, dem wird das nicht schwerfallen.

Etwas schade ist es nur, dass der erwähnte Rest der Welt oft bloß der neue oder alte Freund der Erzählerin ist. Da wünscht man sich, die Autorin würde das überschaubare Entfremdungsgebiet Liebe verlassen und anfangen, in breiteren sozialen Konstellationen zu wildern. Wie ihr Vampirroman gezeigt hat, ist ihre Art zu erzählen, die im besten Fall den Verstand kitzelt wie eine verschluckte Gräte den Hals, more than ready für die Hölle hinter der Pärchenhölle. 

Luise Boege: Bild von der Lüge. Erzählungen; Reinecke & Voß, Leipzig 2017; 120 S., 14,90 €