Besonders ärgerlich an den Debatten um die Bildung ist ein Grundsound, der in diesen Tagen lauter wird: der Sound des Untergangs.

Über die vorgeblich untragbaren Zustände in Schulen und Hochschulen wurden schon so viele Bücher, Abhandlungen und Zeitungsartikel geschrieben, dass man eine Spezialbibliothek der Bildungsapokalypse errichten könnte: Sokrates ("Die jungen Leute tyrannisieren ihre Lehrer") bekäme einen Ehrenplatz, Georg Picht (Die deutsche Bildungskatastrophe) und seine Nachahmer eine eigene Sektion – und Josef Kraus zumindest ein eigenes Regal.

Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, veröffentlicht in zwei Wochen ein neues Buch: Nach Sackgassen der Schulpolitik, Pisa-Schwindel und Ist die Bildung noch zu retten? erscheint Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt. In der Bild am Sonntag stellte Kraus sein Untergangsszenario bereits vor: Ey Schule, Du hast Problem titelte die Zeitung; eine Schülerin auf dem Cover bekräftigte dies mit zwei Stinkefingern. Im Text heißt es: Viele Schüler seien faul, viele Eltern respektlos, und an vielen Problemen sei die Politik schuld.

Natürlich ist es richtig, Probleme zu benennen. Doch der Katastrophenton löst sie nicht, er verschärft sie sogar.

Zum einen verschleiert das Gerede von der Apokalypse, dass sich an den Schulen vieles zum Guten verändert hat. War Schulpolitik vor zwanzig Jahren noch stark ideologisch verbrämt, suchen Kultusminister seit dem Pisa-Schock pragmatisch nach den besten Lösungen für die Schüler; auch Sozialdemokraten fordern Leistung, und Christdemokraten fördern Ganztagsschulen. Bildungswissenschaftler erforschen, was wirkt und was nicht – und Stiftungen engagieren sich dafür, dass gute Ideen an einer Schule sich auch landesweit verbreiten können.

Zum anderen lenkt der Katastrophismus von zentralen und strukturellen Notständen ab, die es ja zweifelsohne gibt: Wenn ständig jemand den Untergang beschwört, paralysiert das die Schulen – und verhindert, Herausforderungen ernsthaft anzupacken. Etwa dass Arbeiterkinder eine viel schlechtere Chance auf das Abitur haben als Akademikerkinder oder dass die Schule sich auf die sich immer schnellere digitale Welt nur zögerlich vorbereitet.

Der Kraussche Katastrophenton muss auch die Helden des Alltags treffen, die oft exzellente Arbeit machen: die Lehrer und angehenden Lehrer. Wie soll man Freude an einem Beruf haben, wenn man ständig hört, wie schlimm alles ist? Man muss fragen, für wen der pensionierte Schulleiter Kraus eigentlich spricht? Für alle Lehrer, wie der Name "Deutscher Lehrerverband" glauben machen will? Für viele Lehrer, die Kraus’ Kritik auch beschädigt? Der Verband ist seit Langem eine One-Man-Show des Selbstvermarktungsgenies Kraus. So führt die Website des Verbands, die mit "retro" noch höflich umschrieben wäre, als letzte Fachtagung einen Kongress aus dem April 2014 auf.

Apocalypse-Stopp now! Und stattdessen? Wie wäre es mit einer Fastenzeit der besonderen Art: sieben Wochen ohne Katastrophenmeldungen. Dafür: jeden Tag einen konstruktiven Vorschlag, wie man die Schulen besser machen kann. Wenn alle mitmachen, wird sich wirklich etwas ändern.