Gruseliger noch als die rechtsradikalen Positionen, die der AfD-Politiker Björn Höcke vertritt, ist die Atmosphäre der Veranstaltungen, bei denen er sie unter die Leute bringt. Die dramatische Intonation, mit der er den Niedergang des deutschen Volkes beschwört und sein frenetisches Publikum zum Widerstand aufruft, lassen fast zwangsläufig Vergleiche mit der späten Weimarer Republik aufkommen. Wer bislang vermutet hat, bei derlei Assoziationen handele es sich um Überempfindlichkeiten einer AfD-feindlichen Öffentlichkeit, sollte die jüngsten Äußerungen Höckes auf sich wirken lassen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

Am Rande der Veranstaltung, auf der er kürzlich seine Verachtung für die deutsche Erinnerungskultur zum Ausdruck brachte, erläuterte er dem Korrespondenten des Wall Street Journal seine eigentliche Botschaft: "Das große Problem ist, dass man Hitler als das absolut Böse darstellt. Wir wissen aber natürlich, dass es in der Geschichte kein Schwarz und Weiß gibt." Höcke wünscht sich ein differenzierteres Geschichtsbild, in dem auch die weniger bösen Seiten des Führers gewürdigt werden dürfen. Und er ist sich sicher, dass es dazu kommen wird. Denn wenn erst "die letzten Überlebenden" gestorben seien, werde das "zu einer neuen Sicht auf die Dinge führen". Bei allem wendigen, relativierenden Gerede, mit dem der Provokateur seine Tabubrüche nachbearbeitet, ist damit hinlänglich klar: Der Mann plädiert für einen positiveren Umgang mit Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus. Nur die letzten Überlebenden stören noch.

Die AfD träumt von einem Nationalstolz, der nicht an der Vergangenheit krankt

Die Beschwichtigungen, mit denen die AfD-Spitze auf diesen jüngsten Coup des Thüringers reagieren wird, sind absehbar: Höcke widerspricht mit seinen Positionen der Parteilinie, weshalb ihm in einem bereits laufenden Schiedsgerichtsverfahren der Ausschluss droht. Und den betreibt bekanntlich Frauke Petry persönlich. Doch wer glaubt, die AfD-Vorsitzende versuche, ihre Partei gegen revisionistische Verlockungen zu immunisieren, liegt falsch. Auch sie hat gerade auf dem Hambacher Schloss erwartungsvoll prognostiziert, eine künftige Geschichtsschreibung werde die Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg genauso revidieren, wie das schon beim Ersten Weltkrieg der Fall gewesen sei. Mag sein, dass die Parteichefin weniger inbrünstig als Höcke von der historischen Entschuldung der Deutschen träumt. Aber das sind graduelle Unterschiede. Dass Petry, Gauland, Poggenburg und andere Spitzenfunktionäre sich unentwegt am deutschen Geschichtsbild abarbeiten, ist alles andere als ein Zufall. Es liegt ganz in der Logik ihres Selbstverständnisses.

Denn die AfD ist nicht einfach eine etwas rechtere CDU, die für mehr Law and Order, weniger Flüchtlinge und weniger Europa eintritt. Was sie von den verachteten "Systemparteien" unterscheidet, ist ihre aggressive Sehnsucht nach einem ungetrübten Blick auf die Nation und deren Geschichte. Während für alle anderen Parteien die Erinnerung an die Schrecken der NS-Zeit zu einem zentralen Element des nationalen Selbstverständnisses geworden ist, träumt die AfD von einem Nationalstolz, der nicht länger von der dunklen Seite der deutschen Vergangenheit irritiert wird.

Deshalb bleibt die Partei selbst so zwanghaft auf "die zwölf Jahre" fixiert, wie sie es ihren Gegnern immer unterstellt. Sie möchte die Deutschen von deren "Schuldkomplex" befreien. Doch weil Leute wie Höcke ahnen, dass ein "gesunder" Nationalismus – an den Schrecken des NS-Regimes vorbei – nicht zu haben ist, beginnen sie jetzt mit der Relativierung des Schreckens selbst. Im Historikerstreit der achtziger Jahre versuchten die Propagandisten der Relativierung, den Holocaust auf die kommunistische Bedrohung zurückzuführen; später sollte wenigstens die Wehrmacht von den Verbrechen des Regimes freigesprochen werden. Höcke regt nun an, auf Hitler selbst einen vorbehaltlosen Blick zu werfen. Was für ein groteskes Unterfangen.

Früher war der Geschichtsrevisionismus das Hobby einiger versprengter Akteure. Nun betreibt ihn eine Partei, die bald in den Bundestag einziehen will. Sie lebt wie alle Rechtspopulisten vom Tabubruch, dessen spektakulärste Variante in Deutschland das Spiel mit der NS-Vergangenheit ist. Aber es ist eben auch das gefährlichste. Wie tief dieses Tabu im bundesdeutschen Selbstverständnis verankert ist, erschließt sich gerade denen am wenigsten, die es beseitigen wollen. Daran könnte die AfD scheitern.

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