"Du kannst dich zurückhalten von den Leiden der Welt, das ist dir freigestellt und entspricht deiner Natur", schreibt Kafka in den Zürauer Aphorismen, "aber vielleicht ist gerade dieses Zurückhalten das einzige Leid, das du vermeiden könntest." Wenn es jemanden im deutschen Fernsehen gibt, der sich diesen Rat zu Herzen genommen hat, dann: Christian Ulmen. Ulmen biegt gerade um eine Straßenecke in Potsdam-Babelsberg, er winkt aus dem Auto, Modell Smart Forfour. Ulmens Bart ist länger als im Fernsehen, richtig wild, die Barthaare kringeln sich vorne schon. Zwischen Bart und Schirmmütze sieht man nur wenig von Ulmens Gesicht. Was man aber sieht, sieht so freundlich aus. Ob man sich nicht duzen wolle, man sei doch ungefähr gleich alt, und gerne den Sitz zurückschieben, der Griff sei da irgendwo unten.

Wir sind verabredet für eine Stadtrundfahrt durch Potsdam. Das Prominenten-Ghetto am Rande der Hauptstadt, Wohnort der Reichen und Schönen und Peinlichen. Der Anlass: Ulmen, 41 Jahre alt und seit 20 Jahren im deutschen Showgeschäft, hat gerade eine sehr, sehr gute deutsche Comedyserie gemacht. Sie heißt Jerks, ist bei ProSieben und bei Maxdome zu sehen, und sie ist so gut, dass sie einen Platz in den deutschen Fernsehgeschichtsbüchern verdient hat. In einer Reihe mit Ein Herz und eine Seele, Mein Leben & Ich, und Stromberg.

Die Serie spielt in Potsdam, weil Christian Ulmen da wohnt, und schon diese banale Tatsache ist im Fall Jerks ziemlich doppelbödig. Ulmen spielt sich in der Serie selbst, oder jedenfalls spielt er eine Variante seiner selbst. Die schlimmste Variante. Er spielt einen Schauspieler namens Christian Ulmen, der mit seinen prominenten Freunden in Potsdam abhängt und sich ansonsten durch ein trauriges Leben schubsen lässt, von einer peinlichen Situation in die nächste. Die eigentlichen Vorbilder sind amerikanische Ego-Comedy-Serien wie Curb Your Enthusiasm oder Louie, auch wenn Ulmen sich für Jerks bei einer dänischen Serie mit dem Titel Klovn bedient hat. Körperausscheidungen spielen eine entscheidende Rolle, aber auch tote Kinder. Jerks ist: realistisches Beziehungsdrama; eine kühle Analyse von Männlichkeit im 21. Jahrhundert in all ihren schlimmen Facetten; und eine Erinnerung daran, dass auf der Welt zu sein vor allem eines bedeutet: Schmerz. Jerks sei eine "Therapie" gewesen, sagt Ulmen.

Erster Halt der Potsdam-Rundfahrt: Glas-Beton-Villa mit Seeblick. In Jerks gehört das Haus Serien-Ulmens bestem Kumpel, dem Tatort-Star Fahri Yardim, der von Privat-Ulmens bestem Kumpel, dem Tatort-Star Fahri Yardim gespielt wird. Ulmen erzählt, wie sehr sich Privat-Yardim dafür geschämt hat, als Serien-Yardim in so einem Angeberhaus zu wohnen. Wie Yardim überhaupt Skrupel hatte, sich in Jerks zu spielen, als potenten Angeber-Star, der seine Bekannten anschreit: "13 Millionen Zuschauer hatte ich mit Tatort! Meinst du, die wollen euch sehen, oder was?" Alle Dialoge in Jerks sind improvisiert, spontane Eingebungen. Yardim fielen die Angeber-Sätze selbst ein. Ulmen, selbst Tatort-Star, aber nicht ganz 13 Millionen Zuschauer, grinst, als sei ihm ein guter Trick gelungen. "Fahri ist sich in meinen Augen gar nicht bewusst, dass er zum Teil der Fahri aus der Serie ist!" Ulmen fährt schnell weiter, nicht zu lange hier halten, der Hausbesitzer sei von den Dreharbeiten sowieso nicht so begeistert gewesen, und vielleicht hat er ja inzwischen auf ProSieben das Ergebnis gesehen. In Jerks überflutet Ulmen Potsdam, auch dieses Haus, mit Sperma, Blut, Heroin, Durchfall.

Wir fahren das Ufer der Glienicker Lake herab, der Blick öffnet sich zum Potsdamer Seenpanorama hin. Schön hier. Das findet Ulmen auch. Nachhaken: gar nicht anstrengend, die Promi-Blase? Dauernd Gartenfest und Dinner-Einladungen? Will er den Gästen da nicht ein paar Peinlichkeitsfallen stellen wie früher bei MTV, als er im Kükenkostüm Passanten auf die Nerven ging? Oder verkleidet als arbeitsloses Trash-TV-Opfer Uwe Wöllner wie in der Show Mein neuer Freund? Nein, sagt Ulmen, in die Verlegenheit komme er gar nicht. Er meide Partys. Klappt nur nicht immer. Als sein Sohn noch in der Grundschule war, saß beim Elternabend ein Vater, der zu Charity-Abenden einlud und um Spenden bat. "Wenn du nicht hingehst, bist du der, der sich nicht engagiert. Dann fürchtest du: Das Kind kriegt das irgendwie zu spüren", sagt Ulmen, "also solltest du vielleicht doch hingehen. Und wenn du dann da bist, weißt du wieder, warum du es so hasst, auf Partys zu gehen." Potsdamer Probleme. Wenn man möchte, kann man Jerks als eine Übersprungshandlung verstehen. Das Werk eines Künstlers der Peinlichkeit, der hier zwischen Sommerfesten und blickdichten Hecken lebt und eine Parallelwelt erfinden musste, in der er mal alles rauslassen kann. Andere sind ihm in die Parallelwelt gefolgt: Yardim, der Rapper Sido, Jana Pallaske. Sie spielen in Jerks schreckliche Varianten ihrer selbst. Wen hätte er denn noch gerne gehabt? "Alle!", ruft Ulmen. Florian Silbereisen zum Beispiel oder Stefan Mross.

Der Smart Forfour tuckert jetzt über die Glienicker Brücke, gegenüber die berüchtigte Berliner Vorstadt, der Teil Potsdams mit der höchsten Promi-Dichte und den höchsten Immobilienpreisen. Sozialer Glamour-Brennpunkt auf einer kleinen Halbinsel, im Westen der Heilige See und im Osten der Tiefe See. Ulmen hat hier früher gewohnt, bevor er nach Babelsberg gezogen ist, er zeigt auf ein kleines kugelrundes Fenster ganz oben im Giebel eines der schönen Ich-hab’s-geschafft-Häuser. Wir überholen einen Sightseeing-Bus, und Ulmen erklärt, welche Potsdamer Prominenten in welchen Häusern leben, wer wo renoviert, auszieht, einzieht, kauft. Normales Stadtgespräch, aber in dieser Stadt schnell ein Fall für den Anwalt, weil Potsdamer wie Günther Jauch dafür bekannt sind, jede Berichterstattung über ihr Privatleben verbieten zu lassen.

Seit Ulmen vor sechs Jahren die Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes geheiratet hat, interessieren sich die Klatschblätter auch für ihn. Sie fragen: Wie passen der "etwas kauzig anmutende Komiker und die Viva-Beauty" (stern.de) zusammen? Am Anfang, sagt Ulmen, habe er das immer persönlich genommen, wenn über sein Privatleben geschrieben wurde, und hat geklagt. Später fand er es "dünkelhaft", den Boulevard so zu meiden. Er hat dann versucht, der Bunten ironische Interviews zu geben. Auch das hat nicht richtig funktioniert. Jetzt gibt er in Jerks so viel Halbfiktionales aus seinem Privatleben preis, dass jedem Boulevardjournalisten der Kopf kreisen müsste. Seine Frau Collien Fernandes spielt in der Serie zum Beispiel seine Ex-Frau Collien Fernandes, die mit ihrem neuen Freund zusammengezogen ist, dem Berliner Rapper Kay One. Als Fotos der beiden von den Dreharbeiten im Netz auftauchen, haben Fans des Rappers Collien Fernandes bei Facebook geschrieben: Geil, du hast endlich mal einen richtigen Typen! Und vip.de titelte: Collien Ulmen-Fernandes und Kay One: Intime Fotos aufgetaucht. Ulmen erzählt das voller Stolz, seine kleinen Rochaden bedeuten ihm viel. Jetzt ruft sein Sohn an, es gibt ein Problem mit dem Haustürschlüssel. Ulmen muss kurz da vorbeifahren, er lenkt den Smart in eine Seitenstraße.