Wo ein "wenn" ist, da sind die Geschichten von entweder vertanen Chancen oder von der Hoffnung auf eine entscheidende Wendung nicht weit. In Cynan Jones’ neuem Roman Alles, was ich am Strand gefunden habe leben die Figuren nur noch von dieser Hoffnung auf ein "wenn". Denn dass sich in ihren Leben etwas ändern muss, ist klar; doch ebenso klar, dass sich nichts ändern wird. Es ist diese trostlose Ausgangslage, vor der der Waliser Autor Jones in trockenem Stil das große Drama seiner Figuren ausbreitet.

Da ist zum einen der polnische Arbeitsmigrant Gregorz, der mit seinem mies bezahlten Knochenjob im Schlachthaus kaum über die Runden kommt. Nach mehr als einem Jahr in Wales kann er, aller Arbeit zum Trotz, seine junge Familie noch immer nicht aus dem Behelfsheim herausholen, an das jemand in Großbuchstaben "Polen raus!" gesprüht hat. Im neuen Land haben sie genauso wenig eine Zukunft wie in Polen, vegetieren dahin "wie diese dummen, gehorsamen Rinder, die der Schlange zum Elektroschock folgen, als ob ihr Leben keine andere Richtung kennt". Wenn Gregorz nur diese eine Chance bekäme, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen!

Geringfügig besser dran ist die zweite Hauptfigur Hold, der sich als Fischer und Jäger durchschlägt. Auch Hold hat eine Familie zu versorgen, Cara und Jake, die Hinterbliebenen seines besten Freundes Danny. Hold möchte sein Versprechen einlösen, das Haus der Großeltern seines Freundes für dessen Sohn Jake zu renovieren. Aber nun lässt sich Dannys Schwester scheiden, braucht ihren Teil des Erbes, und Hold hat kein Geld, um sie auszuzahlen. "Da war ein Magnetismus am Werk, so als würde er in die große Leere hineingezogen werden, die sein Freund hinterlassen hatte." Auch Hold hofft auf die eine Chance, das Unvermeidliche noch einmal abwenden zu können. Und wie bei Gregorz sind es drei Päckchen Kokain, die ihm unvermittelt die Möglichkeit dazu eröffnen.

Cynan Jones hat keineswegs einen Thriller geschrieben, auch wenn man den Roman durchaus so lesen kann. Weswegen hier auch nicht allzu viel verraten werden soll. Das Kokain dient dem Autor lediglich als Medium, das es ihm erlaubt, von der Hoffnungslosigkeit der europäischen Peripherie zu erzählen, für die Gregorz und Hold auf verschiedene Weise stehen. Einer Welt, in der man trotz täglicher Arbeit auf gnädige Chancen angewiesen ist, um nicht unterzugehen. Entsprechend fasziniert auch nicht der eher holzschnittartige Plot um eine verschütt gegangene Ladung Kokain, die natürlich jemand um jeden Preis zurückhaben möchte. Vielmehr ist es die Ausgestaltung dieser Welt, die Alles, was ich am Strand gefunden habe zu etwas Besonderem macht.

Wie kaum ein Zweiter kann Jones über Tiere schreiben, und er nutzt dieses Talent, um ein extrem dissonantes Dröhnen hinter seinen Text zu legen: Rinder werden in Ausblutbuchten zerlegt, eine Taubenbrust platzt bei der Attacke durch einen Sperber, und ein Kaninchen wälzt sich im Todeskampf, "als würde es von einer kranken Gottheit am Faden gehalten". Erst die hyperrealistische Linse dieses Autors führt das aberwitzige und verrohende Ausmaß der Brutalität vor Augen, welches Hold auf der Jagd und Gregorz im Schlachthaus erlebt. In der düsteren Logik dieses Erzählers ist es immer nur eine Frage der Zeit, bis diese mörderische Mechanik der Naturgesetze auch unter den Menschen greift. Es ist ein Hobbes’scher Krieg aller gegen alle, den Cynan Jones entwirft. Sprachlich brillant und dennoch höchst unbehaglich in der Lektüre, da man spürt: Das Dröhnen, das durch diesen Roman hallt, tönt aus der Gegenwart unserer europäischen Wirklichkeit herüber.

Cynan Jones: Alles, was ich am Strand gefunden habe.
Roman; aus dem Englischen von Peter Torberg; Liebeskind, München 2017; 240 S.; 20,– €, als E-Book 15,99 €