Als Gertrude Stein einmal gefragt wurde, ob sie im Pariser Exil ihre amerikanische Heimat nicht vermisse, antwortete sie: "Wozu sind Wurzeln gut, wenn man sie nicht mitnehmen kann?"

Über 70 Jahre alt ist dieser Satz, doch scheint er heute wie ein Vorgriff in die Gegenwart, denn er nimmt ein für unseren Zeitgeist konstituierendes Versprechen vorweg: dass das Konzept Heimat in Bindungslosigkeit und Oberflächlichkeit funktioniert. Dass ein Leben ohne Zentrum erfüllend sein kann und reicher als eines, das geknüpft ist an feste Orte oder Personen. Dass man die Frage – "Wo gehöre ich hin?" – mit "überall" beantworten kann, ohne dabei in eine Krise zu stürzen.

Der Journalist und Kunstkritiker Daniel Schreiber war Prototyp des Zuhauselosen. Geboren 1977 in Mecklenburg, gelebt in New York, London, Berlin, eine Biografie in Bewegung mit Alkoholsexerfolgkunstparty, abwechslungsreich, bunt und voller Möglichkeiten. Dabei aber auch ein Weglaufen, eine Flucht. "Nur wusste ich nicht, wovor ich floh", gesteht Schreiber in seinem Essay Zuhause – Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen, der mit weniger als 150 Seiten mehr als Büchlein denn als Buch daherkommt und den man nach der Lektüre nicht sofort ins Bücherregal stellen mag, weil die Gedanken, die er zum Schwingen gebracht hat, nach der letzten Seite noch lange in Bewegung sind.

Für Schreiber hingegen war Zuhause das Ende einer sich dahinwindenden Suche und der Versuch, der für ihn irrigen Vorstellung zu entkommen, ein wurzelloses Leben sei möglich. Dazu brauchte er eine Krise. Seine Suche beginnt also mit einer depressiven Phase, die ihn zu Frühlingsbeginn in London trifft. Er lebt damals in einer scheiternden Beziehung. Kein Antrieb zur Arbeit. Immer weniger Lust, Freunde zu treffen. Die Frage, was mit ihm nicht stimmt, wird verdrängt von der Aussicht, bald wieder woanders zu leben, also mit der Ablenkung einer anderen Stadt, zwischen anderen Menschen, unter einem anderen Himmel.

Es gibt ein Wort für Menschen, die solch einem Lebensentwurf folgen. Der französische Denker Nicolas Bourriaud hat es der Botanik entlehnt: Randikanten. Es beschreibt Pflanzen, die an praktisch jedem Ort, in jeder Ritze und Dachrinne, Wurzeln schlagen können oder Ableger bilden, sodass nach einer Zeit nicht mehr ersichtlich ist, woher die Pflanze eigentlich stammt. Die Frage nach der Herkunft wird überflüssig.

In der Welt der Menschen findet man eine Entsprechung in der Small-Talk-Ratlosigkeit, die manche befällt, wenn sie die verlegen-faule Frage beantworten müssen, die unfruchtbaren Konversationen häufig vorangestellt ist: Und woher kommst du? Schreibers Antwort darauf war Heimweh, ein so gravierendes Heimweh, dass er es selbst lange nicht erkannte, Heimweh nach einem Ort, der noch zu finden war.

Vielleicht ist diese Ratlosigkeit für einen Ende 30-Jährigen, dem Zwänge wie Elternschaft die Entscheidung zur Sesshaftigkeit nicht abgenommen haben, normal. Das Schöne an solch einem Leben sind die vielen Türen, die geöffnet bleiben. Hinter jeder einzelnen könnten, so die Fantasie, sich aufregendere Versionen der eigenen Zukunft verbergen. Wer will sich das schon verbauen? Um zu ahnen, welchen Tribut solch ein Entwurf fordert, muss man nicht gleich alles infrage stellen. Es reicht, Zahnpasta oder, schlimmer, eine Matratze kaufen zu wollen. Die Vielzahl an Möglichkeiten endet in Multioptionslähmung. Schreiber spricht mit Hölderlin davon, "deutungslos" zu sein, ein weißes Blatt Papier, das immer wieder neu beschrieben werden kann.

Ratgeber, Kabarettsendungen, Zeitungsartikel haben sich an diesem Phänomen abgearbeitet, und auch die Frage nach Identität und Herkunft wird derzeit eher zu laut als zu leise diskutiert. Es sind dann auch nicht diese Sujets, die Daniel Schreibers Buch bemerkenswert machen. Man merkt erst nach der Lektüre, wie dicht diese 140 Seiten sind, und wird belohnt damit, wie schonungslos uneitel der Autor seine Biografie reflektiert, wie nah man als Leser sein darf, wenn er sich Halt suchend durch seine Krise hangelt.

Die entscheidende Station auf seiner Reise ist die Rückkehr in das Heimatdorf, die Schreiber in einer Szene von großer literarischer Qualität entwickelt. Gerade mal 200 Seelen in der Leere der Mecklenburgischen Seenplatte. Schreiber ging dort im letzten Jahrzehnt der DDR zur Schule und war als homosexueller Junge den brutalen physischen und psychischen Misshandlungen der Erzieherinnen und Lehrerinnen ausgesetzt. Seine Andersartigkeit passte nicht ins Kollektiv. Das ist schon beim Lesen kaum auszuhalten, und man fragt sich, wie ein Kind solch eine "fundamentale Erfahrung der Zuhauselosigkeit" überhaupt ertragen konnte.

Schreiber musste sich diesen alten Demütigungen stellen, um am Ende dieser Suche tatsächlich ein Zuhause finden zu können. Seine Geschichte mag speziell sein, doch die Erkenntnisse bei der Frage, wie und wo man sich ein Zuhause aufbauen kann, sind universell und machen den Essay lohnenswert. Am Ende schmilzt die Antwort auf einen Unterschied zwischen zwei Konjunktionen zusammen: "Es kommt sehr viel weniger darauf an, wo man Wurzeln schlägt, als wir oft denken. Worauf es ankommt, ist vielmehr, dass man Wurzeln schlägt." Wenn das so stimmt, dann behielte Gertrude Stein recht.

Daniel Schreiber: Zuhause.
Hanser Berlin 2017; 139 S., 18,– €