Und wieder ist es München, das in diesen Tagen Schlagzeilen wegen seines unsouveränen Umgangs mit NS-Raubkunst gemacht hat. Diesmal geht es nicht um die Sammlung Gurlitt, nicht um das Erbe des jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim und auch nicht um Paul Klees Sumpflegende im städtischen Münchner Lenbachhaus, um das die Erben von El Lissitzky seit inzwischen 25 Jahren kämpfen. Diesmal dreht sich der Streit um ein wichtiges Werk von Wassily Kandinsky, Das bunte Leben von 1907, das seit über vier Jahrzehnten ebenfalls im Lenbachhaus hängt – als Leihgabe der Bayerischen Landesbank, die es 1972 aus niederländischem Privatbesitz erworben hatte.

Die Geschichte des Bildes ist kompliziert: Die Erben des Nähmaschinenfabrikanten Emanuel Albert Lewenstein hatten es bei ihrer Flucht vor den Deutschen 1938 dem Stedelijk Museum in Amsterdam zur Aufbewahrung gegeben. Über den berüchtigten NS-Kunsthändler und Göring-Vertrauten Alois Miedl und eine Auktion ging es schließlich in die niederländische Sammlung Slijper über, von der es die BayernLB dann erwarb. Weil der Kandinsky seitdem offiziell der Bank gehört, die ihn nach eigenen Angaben allerdings auf Bitten der Stadt und des Museums gekauft hat, fällt er formal nicht unter die Washingtoner Erklärung: Sie bezieht sich nur auf den Besitz von Museen in öffentlicher Trägerschaft. Mit der Moral allerdings ist es eine andere Sache. Man habe den Erben – vertreten durch Anwälte und die auf Restitutionen spezialisierte kommerzielle Firma Mondex Corp. – die Anrufung der sogenannten Limbach-Kommission angeboten, heißt es aus München.

Die allerdings hat bei vielen Opferfamilien wegen unklarer Verfahrensweisen und intransparenter Entscheidungswege ihren Ruf verspielt. Die Flechtheim-Erben zogen sich deshalb im vergangenen Jahr unter Protest aus einem Verfahren zurück – über das dann gegen ihren Willen trotzdem zu ihren Ungunsten entschieden wurde – und klagten in den USA. Ob es dem neuen, hoch angesehenen Kommissionsmitglied Raphael Gross – einst Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt und nun des Deutschen Historischen Museums in Berlin – gelingen kann, den Ruf nachhaltig zu verbessern, muss sich erst noch zeigen. Dass ein Sprecher der staatlichen BayernLB betonte, sein Unternehmen habe das Gemälde legal erworben und es sei wichtig, das Bild in München zu halten, hat das Vertrauen der Lewenstein-Erben in ein unabhängiges Verfahren jedenfalls nicht gestärkt. Auch sie haben sich nun entschieden, vor einem Gericht in New York zu klagen. Mit den im Schriftsatz genannten 80 Millionen Dollar ist das Bild allerdings deutlich zu hoch bewertet.

München hat unterdessen in derselben Woche gleich noch einmal gezeigt, dass man Transparenz und Zusammenarbeit offenbar nach wie vor für keine Selbstverständlichkeit hält. Aus dem Nachlass von Max Beckmann habe man, verkündeten die Staatsgemäldesammlungen stolz, bedeutende Archivalien wie Briefe, Skizzen- und Tagebücher, Fotoalben und die Bibliothek des Künstlers erworben. Der Öffentlichkeit stünden diese Unterlagen, die möglicherweise auch Auskunft über Provenienzen und Besitzerwechsel geben könnten, bis auf Weiteres allerdings nicht zur Verfügung: "Derzeit wird der Bestand erschlossen und ist daher nicht öffentlich zugänglich." Erst langfristig sei eine Publikation der fragilen Dokumente geplant. So lange behalten die Staatsgemäldesammlungen den Wissensvorsprung und die Deutungshoheit.