Am Dienstagabend war es wieder so weit: Im Großen Sendesaal des WDR in Köln ging der alljährliche Preisregen über die Hörbuchbranche nieder. In sechs Kategorien wurde der Deutsche Hörbuchpreis 2017 verliehen, dazu das Hörbuch des Jahres der hr2-Bestenliste ausgezeichnet. Die renommierte Bestenliste kürte die Hörspieladaption von John Dos Passos’ Roman Manhattan Transfer, den der Regiezauberer Leonard Koppelmann und der Komponist Harald Kretzschmar als wilde Sinfonie einer Großstadt phänomenal umgesetzt haben. Beim Deutschen Hörbuchpreis räumte Koppelmann dann zum zweiten Mal ab: dort gewann er ebenfalls in der Kategorie Bestes Hörspiel, und zwar für seine Bearbeitung des Romans von Frank Witzel Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969, für den dieser 2015 den Deutschen Buchpreis gewonnen hatte. Witzel, und das ist der Clou, hat selbst die Musik beigesteuert; es entstand ein symbiotisches Wort-Ton-Kunstwerk.

Zum besten Sachhörbuch wählte die Jury zu Recht Geheime Sender, eine großartige Dokumentation des Hessischen Rundfunks über den Kampf im Äther gegen Hitler, mit O-Tönen nicht nur aus Thomas Manns BBC-Reden, sondern auch von anderen Emigranten aus russischen und amerikanischen Archiven – eine Hommage an die freiheitliche Radiostimme.

Diese Frau "liest nicht, sondern spricht und spielt": So begründet die Jury ihre Entscheidung für die Schauspielerin Bibiana Beglau als beste Interpretin für ihre packende Interpretation von Thea Dorns Roman Die Unglückseligen . Schauspielerkollege Ulrich Noethen, ohnehin längst zu einem Vorleser der Nation geworden, siegte in der Kategorie Bester Interpret für seine abgründige psychologische Deutung des Ich-Erzählers in Friedrich Anis Kriminalroman Nackter Mann, der brennt. Er schlug mit dieser starken Leistung zwei große Interpreten anderer Generationen: den 86-jährigen Otto Mellies (für Marilynne Robinsons Roman Gilead) und den 34-jährigen Robert Stadlober (für Benedict Wells’ Roman Vom Ende der Einsamkeit). Ein weiterer prominenter Schauspieler lag in der Kategorie Beste Unterhaltung vorne: Joachim Meyerhoff, der mit Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke sein performatives autobiografisches Projekt fortsetzt und damit Benjamin von Stuckrad-Barres Lesung seines ebenfalls autobiografischen Buches Panikherz hinter sich ließ.

Die überzeugenden Entscheidungen 2017 komplettiert ein anderer Stimmvirtuose beim besten Kinderhörbuch: Stefan Kaminski präsentiert in Ute Krauses Roman Im Labyrinth der Lügen spannungsvoll das politisch bedrohte Leben des Jungen Paul im Ost-Berlin der achtziger Jahre. Unbedingt hörenswert!

Hans Sarkowicz: Geheime Sender. Der Rundfunk im Widerstand gegen Hitler; Der Hörverlag, München 2017; 8 CDs, 35,– €