Read the English version of this article here

Lieber Mark,

darf ich Dich (ich hoffe, "Du" ist okay) auf den Essay ansprechen, den Du vor einem Monat auf Facebook gepostet hast? Den über die globale Gemeinschaft von Facebook? Daran musste ich denken, als das Landgericht Würzburg am Dienstag einen Prozess in Deinem Sinne entschieden hat, vorläufig jedenfalls. Ich habe mich gefragt, ob Deine Anwälte Deine Worte überhaupt gelesen haben. Dann dachte ich: Bestimmt nicht, sonst hätten sie doch anders gehandelt!

Der Kläger, Anas Modamani, gehört zu den Usern, auf die Du sonst so stolz bist: ein junger syrischer Flüchtling, der ein Selfie mit der Kanzlerin schießt und dann dagegen kämpft, dass es missbraucht wird. Ein engagierter User also.

Sein Bild wurde für zwei Montagen benutzt: Die eine zeigt es neben dem Fahndungsbild der Polizei, die den Mörder eines Obdachlosen sucht. Die andere bringt es mit dem Anschlag vom Breitscheidplatz in Verbindung. Er steht also als Mörder und Terrorist da. Die erste Montage habt Ihr gelöscht, die zweite für deutsche Nutzer gesperrt. Nun habt Ihr die Richter davon überzeugt, dass Ihr die Kopien der Montagen – von denen Hunderte auf Facebook zirkulieren – nicht suchen und löschen müsst: Facebook sei "weder Täter noch Teilnehmer der hier unstreitigen Verleumdungen", urteilten die Richter. Angeblich habt Ihr nicht die technischen Mittel, um die Bilder zu finden. Und angeblich seid Ihr für die Texte, Bilder und Videos, die man auf Euren Seiten findet, nicht verantwortlich. Eine ziemlich bequeme Position, finde ich. Vor allem, wenn man noch mal Deine warmen Worte dazu nachliest, dass "wir" die Welt bauen sollten, die "uns" gefällt. Eine Welt, in der 1,9 Milliarden Nutzer gemeinsam die großen Probleme der Menschheit bekämpfen und aufeinander achtgeben.

"Es hat tragische Ereignisse gegeben – Suizide, zum Teil im Live-Stream – , die vielleicht verhindert worden wären, wenn jemand früher darauf hingewiesen hätte", hast Du geschrieben. "Wir untersuchen Systeme (mit künstlicher Intelligenz), die sich Fotos und Videos anschauen können, um Beiträge zu melden, die unser Team beobachten sollte." An anderer Stelle gibst Du zu, dass Dich Fake-News sehr beunruhigen. Warum also hast Du Anas Modamani nicht dabei geholfen, die Verbreitung seines gefälschten Merkel-Selfies zu stoppen?

Wahrscheinlich ging es in diesem Prozess nur vordergründig um technische oder juristische Fragen. In Wahrheit wurde etwas Grundsätzliches verhandelt: Ist Facebook ein neutraler "Host-Provider", wie es in dem Urteil heißt? Oder eine Gemeinschaft mit Werten, wie ich als Nutzerin meine?

In Deinem Essay analysierst Du, dass die Mitgliedschaft in lokalen Gruppen seit den siebziger Jahren stark gesunken ist und dass Facebook dazu die Gegenbewegung ist. Du erzählst von der schwer kranken Christina und dem alleinerziehenden schwarzen Vater Matt, die durch Facebook Gleichgesinnte gefunden haben. Du beschwörst die Gefahr der Nationalisten und schwärmst von den Programmen, mit denen Ihr im vergangenen Jahr mehr als zwei Millionen Amerikanern bei der Wahlregistrierung geholfen habt. Um Dich noch einmal zu zitieren: "Wir haben vielleicht nicht die Macht, die Welt, die wir uns wünschen, sofort zu erschaffen. Aber wir können alle daran arbeiten, sie langfristig zu erreichen."

Für mich klingt das nicht nach Host-Provider. Sondern nach Weltverbesserer!

Ich finde es richtig, dass Du Dich nicht auf eine Position der technischen Neutralität zurückziehst, sondern politisch denkst. Aber politisch zu sein bedeutet auch, sich an seinen Idealen messen zu lassen. Ich frage mich, warum Du so viel Selbstbewusstsein zeigst, wenn es um Klimawandel, Terrorismus oder Krankheiten geht, und so wenig Verantwortungsgefühl, wenn es um Fake-News, Hate-Speech und Cybermobbing geht. Warum muss man als Betroffener immer erst die Gerichte bemühen, damit überhaupt etwas passiert? Warum spielt sich Facebook wie eine autoritäre Regierung auf, wenn es um die Demokratie von unten geht? Das, lieber Mark, gefällt mir ganz und gar nicht.

Deine Khuê