Kürzlich bekam Jörn Loviscach ein verlockendes Angebot. Die "International Conference on Internet Technology & Data Engineering" bat zum Austausch – nach Bali. Das zweitägige Programm versprach "bahnbrechende" Forschungsergebnisse und eine interessante Inselrundreise. Um die Veröffentlichung seines Vortrags brauche sich Loviscach keine Sorgen zu machen. Die "renommierten" Advanced Science Letters würden sämtliche Tagungsbeiträge veröffentlichen. Immerhin: Als Ehrenpräsident der Zeitschrift wird Richard Ernst genannt, Nobelpreisträger für Chemie aus der Schweiz.

Jörn Loviscach blieb zu Hause. Zwar hätte den Informatikprofessor an der Hochschule Bielefeld die Erholung vom Tagungsstress am "adults-only swimming pool" des Tagungshotels gereizt. Aber zum einen hatte er von den Advanced Science Letters noch nie etwas gehört, zum anderen hatte die Konferenz mit seinem Fachgebiet nicht viel zu tun. Wobei das den Veranstalter nicht zu stören schien: Das Themenspektrum der Tagung, hieß es in der Einladung, sei "nicht begrenzt".

Willkommen in der Welt der Pseudowissenschaft! Wo Zeitschriften nur aus einer Website und einem Briefkasten bestehen und Spitzenforscher als Herausgeber auftauchen, die davon nichts wissen. Wo wissenschaftliche Tagungen den Reichtum der Veranstalter und das Vergnügen der Teilnehmer fördern, aber kaum den Erkenntnisfortschritt. Abseits der offiziellen Wissenschaft ist eine Schattenwelt entstanden. Für Forscher macht sich deren Existenz durch einen Strom von E-Mails bemerkbar. Fast jeden Tag erhält Jörn Loviscach ominöse Schreiben, die ihn als "herausragenden Experten" umschmeicheln und als Autor, Konferenzgast oder auch Herausgeber gewinnen wollen.

Im Absender solcher Einladungen taucht meist ein "International" oder "World" auf. Oft gleichen die Namen denen bekannter Zeitschriften oder Organisationen. Aus der etablierten IntelliSys Conference für künstliche Intelligenz in London wird die Intelisys Conference (ein l) in Jakarta. Statt Clinical Epigenetics heißt eine Zeitschrift Journal of Clinical Epigenetics . Fragt man den Nobelpreisträger Ernst in Zürich nach seiner Funktion bei den Advanced Science Letters, antwortet er prompt: "Ich habe von dieser Zeitschrift nie gehört."

Niemand kennt solche Verschleierungstaktiken besser als Jeffrey Beall. Vor rund zehn Jahren fielen dem Bibliothekswissenschaftler an der University of Colorado die oft in schlechtem Englisch verfassten Werbemails für Fachzeitschriften zum ersten Mal auf. Er begann sie zu sammeln, verglich Titel und überprüfte Adressen. Schnell bemerkte er, dass die meisten Journale mit Wissenschaft wenig zu tun hatten. Jeffrey Beall nannte sie predatory journals, Räuberzeitschriften.

Über Jahre entstand eine eindrucksvolle Aufstellung: Beall’s List . Zuletzt verzeichnete das Register 1186 ominöse Verlage. Da viele ganze Flotten von Journalen steuern, kam Beall auf weit über zehntausend verdächtige Zeitschriften. Die allermeisten dieser pseudowissenschaftlichen Publikationen kommen aus Asien oder Afrika. Von dort – aus Nigeria, Indien, dem Iran und der Türkei – stammen viele ihrer Autoren. Aber auch amerikanische und deutsche Wissenschaftler verirren sich in die akademische Schattenwelt. Beall’s List umfasst ein weites Spektrum: Es reicht von Verlegern, die mit akademischer Massenware niedrigster Qualität schnelles Geld verdienen wollen, bis zu Kriminellen. Alle verfolgen dasselbe Geschäftsprinzip: wissenschaftliche Aufmerksamkeit gegen Geld.

Weltweit ist Forschung zum Wirtschaftsfaktor geworden. Nicht nur traditionelle Industrieländer, auch aufstrebende Nationen wie China oder Indien investieren Milliardensummen. Die Zahl der Wissenschaftler wächst seit Jahren steil an. Sie kennen nur ein Ziel: Sie müssen sichtbar werden, also ihre Erkenntnisse veröffentlichen. Publikationen, und zwar in englischer Sprache, sind die Währung der Wissenschaften, mit der alle rechnen: Kollegen und Uni-Leitungen, Drittmittelgeber wie Regierungen.

Den größten Tauschwert haben Artikel in den top journals . Wer zu den Auserwählten gehört, die es in Science oder Nature schaffen, ist einer Universität eine Pressemitteilung wert. In China bekommen Nature- Autoren schon mal einen Bonus in der Höhe eines mehrfachen Monatsgehalts. Es folgen in der Qualitätskaskade internationale Fachzeitschriften sowie spezielle Journale verschiedener Reputationsstufen. Dabei gilt: Je größer die Zahl der abgelehnten Beiträge, desto größer das Ansehen einer Zeitschrift.

Was aber passiert mit den Autoren, deren Beiträge nirgendwo Gnade finden? Weil sie einfach nichts Interessantes herausfinden. Weil ihre Arbeiten die methodischen Qualitätsstandards nicht erfüllen. Weil sie – auch das gibt es – von einer unbekannten Universität in einem wissenschaftlich unbedeutenden Land stammen, aber ebenso auf Publikationen angewiesen sind. Tausende Wissenschaftler weltweit teilen dieses Schicksal.