Seit Mitte der nuller Jahre befreien Zeitschriften sie vom Publikationsdruck, Zeitschriften, die so gut wie alles bringen. Die predatory journals – Hauptsache, der Autor zahlt. Da ist zum Beispiel das World Research Journal for Diabetes, eine Zeitschrift für die Erforschung der Zuckerkrankheit. Es stammt aus dem Hause Bioinfo Publications, einem laut Homepage "schnell wachsenden Verlagshaus, das sich einer großen Bandbreite akademischer Disziplinen widmet". Mehr als 150 Zeitschriften werden hier verlegt von den Advances in Computational Research bis zum World Research Journal of Tropical Agriculture. Nur "Topwissenschaftler" würden als Herausgeber akzeptiert.

Einer dieser Spitzenforscher ist angeblich Thomas Frese von der Universität Leipzig, er wird als Chefredakteur des World Research Journal for Diabetes bezeichnet. Wobei man über seine herausragende Rolle im Fachgebiet der Zuckerkrankheit diskutieren kann. Denn Frese hat mit der Erforschung von Diabetes wenig zu tun, außer dass es in seiner Doktorarbeit vor neun Jahren um Ratten und Insulin ging. Heute arbeitet er als Hausarzt in einer Praxis im sächsischen Torgau, Platz der Freundschaft 6. Wie kam Frese zum Chefredakteursposten? Er weiß es nicht. Sein Kollege Adrien Daigeler, der an der Spitze des World Research Journal of Critical Care steht, ist Facharzt für ästhetische Chirurgie an der Unfallklinik Bergmannsheil in Bochum. Vor vielen Jahren habe ihn jemand wegen des Postens angefragt, und er habe zugesagt. Seitdem habe er nie wieder etwas gehört.

Die meisten der bei Bioinfo Publications veröffentlichten Artikel erscheinen im open access- Verfahren. Der Ausdruck beschreibt eine zweite Entwicklung, ohne die die predatory journals nicht möglich wären: die Abwanderung der Wissenschaftspublizistik ins Internet. Immer mehr Zeitschriften liefern keine gedruckten Ausgaben mehr. Sie veröffentlichen ihre Beiträge nur online.

Open access verändert auch das Gebührenmodell der Branche. Traditionell finanzierten die Leser die gedruckten Zeitschriften über ihr Abonnement. Beim elektronischen Publizieren gehen immer mehr Zeitschriften dazu über, die Autoren zur Kasse zu bitten und ihren Artikel für den Leser kostenlos ins Netz zu stellen. Für die Hauptfinanziers des wissenschaftlichen Publikationswesens, die Universitäten, änderte sich damit wenig: Beim alten Modell zahlten ihre Bibliotheken nach der Veröffentlichung, beim neuen nun ihre Wissenschaftler. Das open access-Modell hat viele Vorteile, vor allem macht es Forschung für jedermann zugänglich. Die meisten open access-Publikationen sind nicht weniger vertrauenswürdig als der Durchschnitt der gedruckten Vorgänger. Das größte Onlinemagazin Plos One veröffentlicht jedes Jahr Zehntausende von Beiträgen, darunter viele mit Relevanz.

Gleichzeitig hat der neue Publikationsmodus eine dunkle Seite. Denn nun braucht eine Zeitschrift nicht mehr als eine Website, einen klingenden Namen und eine Kontoverbindung. Für ein paar Hundert Dollar "Bearbeitungsgebühr" kann sich jedermann mit der Autorenschaft eines vermeintlich seriösen Fachaufsatzes schmücken. "Damit zerstören die predatory journals das sensible Geflecht aus Vertrauen und Qualitätskontrolle, das die Wissenschaft trägt", sagt der Soziologe Peter Weingart.

Nun war die Wissenschaft schon immer anfällig für Kommerz und Korruption. Doch es gab Schranken. Mit den predatory journals stehen jetzt alle Türen offen: So können Professoren sich in einigen Journalen permanent selbst zitieren, Unternehmen gekaufte Studien in die Welt setzen, Scheingelehrte eitlen Unsinn publizieren. Für Laien, die zu einem wissenschaftlichen Thema im Internet recherchieren, ist solcher Schmu nicht zu durchschauen. Und selbst Experten fällt es – angesichts von mehr als 30.000 Zeitschriften allein in den Lebenswissenschaften – nicht leicht, seriöse Publikationen von Junkjournalen zu unterscheiden. Denn auf den ersten Blick kommen die Pseudozeitschriften seriös daher. Sie veröffentlichen echte Artikel und haben Redakteure und Herausgeber. Die Autoren müssen sogar eine wissenschaftliche Begutachtung (peer review) durchlaufen. "Doch wenn man genauer hinschaut, erkennt man, dass das meiste nur Fassade ist", sagt Peter Weingart.

Bei seriösen Zeitschriften müssen Forscher oft monatelang warten, bis sie ihr Manuskript zurückbekommen; mal verbunden mit einer Absage, mal mit der Aufforderung, den Artikel gründlich zu überarbeiten. Bei den Pseudojournalen dauert der Prozess nur wenige Tage, manchmal nur Stunden. Die Antwort ist so gut wie immer eine Zusage.

Zwischen 100 und 300 Dollar kostet die "Bearbeitungsgebühr". Es geht auch teurer. Die (angesehene) Zeitschrift Nurse Author & Editor berichtet von einer Autorin, die ihren Beitrag arglos an ein predatory journal geschickt hatte. Als sie mit der Zusage eine Zahlungsaufforderung über 3.000 Dollar bekam und den Artikel daraufhin zurückzog, wurde ihre Arbeit von dem Journal quasi in Geiselhaft genommen: Wenn sie nicht zahle, würde man ihren Beitrag online bringen – und so eine Veröffentlichung in seriösen Organen verhindern.

Eine ganze Industrie ist um die "Wegelagerer des wissenschaftlichen Publikationssystems" (Weingart) herum entstanden. So gibt es Firmen, die den Pseudojournalen Seriosität verleihen, indem sie ihnen einen impact factor verleihen, also eine Kennzahl, wie häufig Artikel aus der betreffenden Zeitschrift (angeblich) zitiert werden. Die Unternehmen heißen Einstein Institute for Scientific Information, International Society for Research Activity oder Cosmos Impact Factor. Letzteres sitzt angeblich am Rande Berlins, Geschäftsführer ist ein seriös dreinschauender, grauhaariger Mittvierziger namens Professor Jahanas Anderson. Hunderte Zeitschriften weltweit hätten laut Website die Dienste der Firma in Anspruch genommen, begutachtet von "renommierten Wissenschaftlern". Es werden Namen genannt: zum Beispiel der der Düsseldorfer BWL-Professorin Barbara E. Weißenberger.