Wie schön die Schulwelt im hohen Norden doch aussah, einst, von Deutschland aus betrachtet. In der Pisa-Studie landeten die 15-jährigen Finnen im Jahr 2000 ganz weit vorn: Sie konnten besser lesen als die Schüler aller anderen OECD-Staaten; auf den ersten Plätzen lagen sie auch in Mathematik und den Naturwissenschaften. Ihren deutschen Altersgenossen waren sie rund zwei Schuljahre voraus. Viele wühlte die Studie auf: Deutschland war mittelmäßig, Finnland Spitzenklasse.

Schulexperten und Politiker pilgerten daraufhin gen Norden, von der damaligen Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) bis zum bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU).

Wenn sie zurückkehrten, wirkten vor allem Sozialdemokraten und Grüne wie beseelt. Die niedersächsischen Grünen wollten "Schulen nach finnischem Vorbild schaffen". Die hessische SPD bot sogar einen deutschen Experten aus dem finnischen Bildungsministerium als Schatten-Kultusminister auf.

Doch der Mythos bröckelt. Laut der neuesten Pisa-Studie aus dem Jahr 2015 haben die finnischen 15-Jährigen im Lesen und in Mathematik inzwischen fast den Stoff eines Schuljahrs weniger gelernt im Vergleich zu den 15-Jährigen im Jahr 2000. Die Welt am Sonntag meldete gar: "Finnlands Pisa-Wunder entpuppt sich als Irrtum." Anlass ist eine 2015 veröffentlichte Studie des schwedischen Bildungsökonomen Gabriel Heller Sahlgren. Er zieht darin die finnische Erfolgsgeschichte fundamental in Zweifel.

Was ist nur los mit Finnland? Warum waren die Schüler dort so gut? Womit ist ihr Leistungsabfall zu erklären? Sind die vielen Finnland-Fahrer gar einem Trugbild aufgesessen?

Ein Rückblick: Was Finnland in den Augen der Deutschen zum Pisa-Sieger machte, war in der gängigen Lesart die Gesamtschule. "Die Gesamtschule ist das Erfolgsmodell der finnischen Pisa-Sieger", hieß es im Spiegel. Die Welt am Sonntag analysierte: "Dank ganztägiger Gesamtschulen sind Finnlands Schüler die besten Europas." Auch die ZEIT berichtete vom "Erfolgsgeheimnis Gesamtschule".

Es gab Gegenstimmen wie die des damaligen Chefs der deutschen Pisa-Studie, Manfred Prenzel, der darauf hinwies, dass Länder mit einem gegliederten Schulsystem ebenfalls Bestwerte erreichten. Auch die finnische Geschichte wurde als Erfolgsfaktor angeführt. Das Land wurde jahrhundertelang von Schweden und Russen beherrscht, die eigene Sprache sicherte die Identität der Finnen; die lutherische Kirche verbot Analphabeten zu heiraten. Zudem rückte die strenge Lehrerauswahl ins Blickfeld, nach der nur die besten zehn Prozent der Bewerber zum Zuge kommen.

Das große Bild jedoch, das hängen blieb, war: Das Bildungswunder verdankt sich der Gesamtschule, die kein Kind zurücklässt. In den Siebzigern löste sie das gegliederte Schulsystem ab; in einer zweiten Reform in den Neunzigern wurde die staatliche Schulaufsicht abgeschafft, und die Schulen wurden autonomer.

Der Bildungsforscher Sahlgren behauptet nun das Gegenteil der herrschenden Lehre: Die guten Ergebnisse bei der ersten Pisa-Studie habe es nicht wegen der Reformen gegeben, sondern ihnen zum Trotz. Sie seien eine Nachwirkung der alten finnischen Schule, eines zentralisierten Systems mit autoritären Lehrern, das die Schüler auch früher schon zu Spitzenleistungen geführt habe. Viele Reformen hätten erst in den neunziger Jahren eingesetzt, deswegen hätten das hierarchische System und der alte Lehrertypus noch nachwirken können. Dass die Finnen danach zurückgefallen seien, liege daran, dass im Zuge der viel besungenen Reformen das hierarchisch-autoritäre System erodiert sei.