Was geht bloß in diesem Mann vor? Er bewirbt sich um das höchste Staatsamt, Richter ermitteln gegen ihn wegen Veruntreuung, die Umfragewerte sinken, ein Gutteil seiner Partei lässt ihn fallen – er aber beharrt darauf, dass die Basis ihn zum Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2017 erhoben hat. Das Drama wäre vielleicht Unterhaltungsstoff, handelte es sich um eine nicht ganz so bedeutende Wahl. Doch am 7. Mai wird entschieden, ob Marine Le Pen in Frankreich regieren wird. Also: Was geht in François Fillon vor, dem Kandidaten der bürgerlichen Rechten, genannt die Republikaner?

Zeitsprung: Ein Tag im Februar 2012, der Premierminister Fillon ist zur besten Sendezeit im Fernsehstudio. Noch weiß er nicht, ob Nicolas Sarkozy erneut für die Präsidentschaft kandidieren will – die Spannung ist unerträglich für Fillon, der Sarkozy im Amt nachfolgen will.

"Herr Fillon", fragt ihn der Moderator, "was ist Ihr größter Vorzug?" – "Die Hartnäckigkeit." – "Und Ihr Fehler?" – "Die Dickköpfigkeit."

Er kennt sich wohl selbst ganz gut. Das erwies sich Anfang dieser Woche wieder. Untersuchungsrichter ermitteln derzeit, ob seine Familie für fiktive Beschäftigungsverhältnisse kassiert hat, zum Teil aus öffentlichen Mitteln. Woraufhin Fillon sich als Opfer der Medien und einer parteiischen Justiz inszenierte, gegen die er seine Anhänger am vergangenen Sonntag demonstrieren ließ. Das Volk solle entscheiden, sagte er, und nicht die Richter: Führende Politiker seiner Partei geißelten das daraufhin als antirepublikanische Verirrung und wollten ihn absägen. Doch der erfahrene Taktiker wettete darauf, dass die Parteigremien wenige Wochen vor der Wahl keinen aussichtsreicheren Kandidaten mehr hervorzaubern würden. Die Wette ging auf, und am Montagabend entschied man sich: Fillon muss bleiben.

Am Dienstagabend dann platzte die nächste Bombe. Wieder hatte das Wochenblatt Canard Enchainé etwas enthüllt: Diesmal handelt es sich um einen zinslosen Kredit von 50.000 Euro, den Fillon in seiner Steuererklärung nicht angegeben hatte. Die Summe stammt ausgerechnet von Fillons Freund Marc Ladreit de Lacharrière, also jenem Milliardär, dem vorgeworfen wird, auch er habe Fillons Frau nur zum Schein angestellt, um ihr insgesamt 100.000 Euro zuzuschanzen. Fillons Reaktion auf die neuen Anschuldigungen? Er habe doch alles schon zurückgezahlt, ließ er erklären, es handele sich um ein "Nicht-Ereignis".

Dickköpfigkeit ist da schon kein Ausdruck mehr. Aber es gibt zwei Erklärungen für dieses Verhalten. Die eine hat mit Frankreichs Verfassung zu tun, die andere mit Fillons Karriere.

Der Staatspräsident, direkt vom Volk gewählt, regiert das strikt zentralisierte Land fünf Jahre lang. Und weil Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Normalfall zugleich stattfinden, kann er sich meist auf eine Mehrheit in der Nationalversammlung stützen. Alles schaut zu ihm auf, er verkörpert die Nation, ist an die Stelle des Königs getreten. Präsident zu werden, das ist der ehrgeizigste Traum der Politiker. Fillon träumt ihn bereits seit vielen Jahren, das bezeugen ehemalige Berater.

Nur so ist zu erklären, dass Fillon es von 2007 bis 2012 als Premierminister unter Sarkozy ausgehalten hat. Keine Gelegenheit ließ dieser aus, Fillon öffentlich zu demütigen. Sarkozy ließ nicht den Premier, sondern den Chefberater im Elysée die Regierungsmannschaft zusammenstellen, warb langjährige Berater Fillons ab und bezeichnete diesen als seinen "Mitarbeiter".

Fillons Reaktion? Rückenschmerzen. Aber kein böses Wort. Immer nur das höchste Ziel im Blick. Ehemalige Mitarbeiter erinnern sich: Noch in den schlimmsten Momenten hatte der Mann sich im Griff. Ganz Selbstbeherrschung, mochte es im Inneren auch toben. Nur an den Temperaturen seiner vollendeten Höflichkeit ließ sich ablesen, was Fillon gerade über andere dachte, heißt es. Als "Junker" beschreibt ihn ein Bewunderer. Fillon entspricht dem Typus der Provinznotabeln, die von sich glauben, ihnen könne man nichts anhaben.

Man hat schon versucht, den katholischen Schlossbesitzer und Vater von fünf Kindern als reaktionären Spießer einzuordnen. Ausdrücklich als weltoffen beschreiben ihn hingegen Beamte, die eng mit ihm zusammenarbeiteten. Er lese die internationale Presse, auch seine kulturellen Interessen machten mitnichten an den Landesgrenzen halt. Auf Vermittlung seines jüngeren Bruders, eines Jazzmusikers, lud er beispielsweise den Pianisten Herbie Hancock ins Matignon ein, den Sitz des Premiers.

Fillon leistete stummen Widerstand, als Sarkozy den Präfekturen des Landes eine öffentliche Diskussionskampagne über die nationale Identität aufzwang; auch dessen Propaganda für einen politischen Katholizismus unterstützte der Premier nicht. Stattdessen versuchte er fünf Jahre lang, die vom Präsidenten versprochenen Wirtschafts- und Sozialreformen umzusetzen. Vergebens, denn Sarkozy schreckte noch jedes Mal vor politischem Widerstand zurück. Es waren in den Augen der meisten Franzosen fünf verlorene Jahre. Eine Zeit, die Fillons eisernen Willen nur stählte.