Für Betuchte: "die dame"

Was ist das für ein Heft?

Die Dame, gegründet 1912 als "Journal für den verwöhnten Geschmack", war eine der erfolgreichsten Frauenillustrierten der Weimarer Zeit. Mode, Kulinarisches, Reisegeschichten, dazu Feuilletons von Schriftstellern wie Brecht, Tucholsky und Ringelnatz. Die Neuauflage aus dem Springer-Verlag wird vom Berliner Kunstsammler Christian Boros herausgegeben (der mit dem eigenen Luftschutzbunker). Wie die Vorlage will man "gegen kulturelle Verflachung" antreten. Ob triviale Einlassungen zum gemeinsamen Altwerden oder essayistische Lobeshymnen aufs eigene Auto dabei hilfreich sind, bleibt offen. Ist Autofahren wirklich noch eine Praxis weiblicher Selbstbestimmung? Ärgerlich: Margit Mayer, die Grande Dame des Mode- und Stiljournalismus, interviewt den lähmend selbstverliebten Kulturtheoretiker Bazon Brock zur "Dame als Sozialcharakter". Es hätte andersherum sein müssen, dann wäre ein intellektueller Schuh/High Heel draus geworden.

Wer soll das lesen?

Mutmaßlich Frauen zwischen 30 und 50, die ihre Coffee-table-Book-Kollektion um eine hübsche Zeitschrift bereichern wollen. Für diese Klientel gilt: Das richtige Leben geht nicht ohne richtig viel Ästhetik.

Wie sieht das Magazin aus?

Von außen wie brand eins für Frauen. Auch innen besticht das Heft mit puristischem Design: viel Weiß, die Schrift oft kunstsinnig klein. Leider fehlt die Anknüpfung ans Original: Man hätte gern mehr über die legendäre Dame aus dem expressionistischen Berlin erfahren.

Gibt’s Diät- und Beauty-Tipps?

Nein, dafür aber einen kritischen Artikel zu den neuesten Selbstoptimierungsmoden aus dem Fitness-Staat Kalifornien (Kältekammer, Hypnose, Psychotropfen). Das Schönheitsideal des Heftes ist widersprüchlich: Modestrecken im SM-Fetisch-Stil oder die Abbildungen zerstückelter Frauenkörper mit Handtaschen bedienen genau jene Bloßstellungslogik, gegen die sich selbstbewusste Frauen heutzutage aussprechen.

Gibt’s Beziehungscoaching?

Nein, aber eine Art Neuinterpretation der Traumnovelle von Arthur Schnitzler (die Vorlage für Eyes Wide Shut von Stanley Kubrick). Das Eindampfen eines der radikalsten Erzählexperimente zum Thema Begehren und gesellschaftliche Moral auf ein paar Seiten Beziehungsparlando aus Berlin-Mitte – wir sagen mal: gewagt.

Gibt’s große Reportagen?

Wenn man Homestorys (wie schick wohnen Galeristen?) und Porträts adeliger Oldtimer-Fahrerinnen als journalistische Erzählungen begreift, dann ja. Toll ist das Porträt der Schweizer Künstlerin Pamela Rosenkranz. In vielen Medien werden weibliche Kunstschaffende zu selten gewürdigt.

Typische Überschriften

Anders. Potenzial. Ankündigung einer Fotostrecke über Uhren beziehungsweise Schmuck: Schwermetall.

Dürfen da auch Männer schreiben?

Ja. Zum Beispiel Maxim Biller mit einer Kürzestgeschichte über Margarete Bloch, eine Geliebte Kafkas, die von den Nazis ermordet wurde.

Das Magazin in einem Satz

Harper’s Bazaar mit Magister in Germanistik.

Das Kleingedruckte

292 Seiten, 15 Euro. Gewicht: 1,5 Kilogramm. Das ist dem Verlag wichtig zu erwähnen. Das nächste Heft erscheint im Herbst.