Ein Vormittag im Café des 25hours Hotel Berlin, unweit des Zoologischen Gartens. Grünzeug rankt die Wände rauf und runter, Hängematten laden zum Lässigsein ein. Aus den Lautsprechern kommt Janis Joplins Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz, als Kathrin Oxen, Ali Özgür Özdil und Nils Jakob Ederberg auf einer Eckbank Platz nehmen. Wir haben die Pastorin, den Imam und den Rabbiner eingeladen, um mit ihnen über das Paradies zu sprechen. Jetzt fallen uns all die Witze ein, in denen ein Rabbiner, ein Imam und ein Pastor sich treffen und lustige Sachen sagen. Wie viele Witze dieser Art unsere Gesprächspartner wohl kennen? Die Antwort: höfliches Lachen.

DIE ZEIT: Wo liegt für Sie das Paradies?

Ali Özgür Özdil: Im Verborgenen.

Kathrin Oxen: Die Frage ist doch eher: Wo war das Paradies? Es gibt ja jede Menge archäologische Forschungen, ehrenwerte, aber auch verzweifelte Versuche, die biblische Erzählung mit der Geografie in Einklang zu bringen. Nach heutigem Kenntnisstand läge das Paradies wohl irgendwo im Irak. Aber dort würde ich es nie suchen. Für mich ist das kein realer Ort, sondern eine schön ausgemalte Fiktion.

ZEIT: Herr Özdil, was meinen Sie mit: im Verborgenen?

Özgür Özdil, 47, ist Direktor des 2002 in Hamburg gegründeten Islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstituts. Er schreibt Bücher über den interreligiösen Dialog und hält in vielen deutschen Moscheen die Freitagspredigt.

Özdil: Das arabische Wort für Paradies ist janna. Janna bedeutet Garten, leitet sich aber ab von "verborgen, unsichtbar". Dem Paradies geht die Vernichtung von allem voraus. Deshalb kann es überhaupt nicht auf der Erde oder im Universum sein. Der Koran spricht von sieben Himmeln, der erste ist mit Sternen geschmückt – unser Universum. Erst wenn dieser Himmel und die sechs dahinter aufgehört haben zu sein, kommt das Paradies.

ZEIT: Anders als Juden und Christen kennen die Muslime kein ursprüngliches Paradies auf Erden?

Özdil: Da der Koran jünger ist als die Bibel, kann er bei seinen Lesern die Schöpfungsgeschichte voraussetzen. Bei uns wird die dann gar nicht mehr so detailliert erzählt. Aber auch im Islam gelten Adam und Eva als die ersten Menschen. Als Gott sie als seine Stellvertreter erschafft, sind die Engel, die vorher schon da waren, nicht begeistert. Reichen wir dir nicht?, fragen sie. Wozu brauchst du diese Menschen, die doch nur Unheil anrichten werden?

Nils Jakob Ederberg: Interessant. Eine ähnliche Erzählung kennt das Judentum auch: Die Engel warnen Gott: Was machst du da? Das nimmt kein gutes Ende mit diesen Menschen! Aber Gott sagt: Ich will jemanden schaffen, der mit einem eigenen Willen ausgestattet ist.

Nils Jakob Ederberg, 49, unterrichtet Aramäisch und Liturgie am Institut für Jüdische Theologie der Universität Potsdam. Er ist Beter in der Berliner Synagoge in der Oranienburger Straße.

ZEIT: Gott rechnet also mit dem Sündenfall?

Ederberg: Was heißt hier Sündenfall? Wir Juden teilen die christliche Idee von der Erbsünde nicht. Wir gehen davon aus, dass der erste Teil der Schöpfungsgeschichte weiterhin Bestand hat: Gott erschafft die Welt in sieben Tagen und befindet sein Werk für gut. Und es bleibt auch nach der Geschichte mit dem Apfel gut.

Özdil: Worum geht es bei dieser Geschichte? Der Mensch lernt, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Der Koran erzählt das so: Es gibt einen Engel, den Diblis oder Diabolus, der sich mit der Erschaffung des Menschen nicht abfinden kann. Er bleibt gegen Gottes Willen ihr Feind und verführt sie, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Daraufhin müssen sie den Garten Eden verlassen. Und gelangen getrennt auf die Erde. Adam landet irgendwo auf Sri Lanka und Eva auf der Arabischen Halbinsel, in Dschidda, was übrigens Großmutter heißt. Nach langen Jahren der Reue vergibt ihnen Gott und führt die beiden in der Wüste wieder zusammen.

ZEIT: Aber der Garten Eden bleibt ihnen verschlossen?

Ederberg: Das ist wieder so eine christliche Frage: Versuchen Sie sich doch mal vorzustellen, dass der Garten Eden kein verlorener Ort ist, sondern bloß der Urzustand. Nachdem der Mensch seinen freien Willen entdeckt hat, muss er da raus.

Kathrin Oxen, 44, leitet seit 2012 das Zentrum für evangelische Predigtkultur in Wittenberg. Dort hilft die Gewinnerin diverser Predigtwettbewerbe anderen Pfarrern, im Gottesdienst die richtigen Worte zu finden.

Oxen: Mir fällt es auch schwer, den Sündenfall als das große Menschheitsdrama zu begreifen. Was ist danach passiert? Die Schlange muss auf dem Boden kriechen, die Frauen müssen Kinder kriegen, und die Männer müssen arbeiten. So schlimm ist das ja auch wieder nicht. Aber natürlich gibt es Momente, in denen mir alles zu viel ist. Dann wünsche ich mich an einen Ort, an dem alles gut ist, zwischen Tieren und Menschen und zwischen Männern und Frauen und überhaupt.

ZEIT: Das Angebot an solchen Orten scheint groß zu sein, wenn man der Werbung Glauben schenken darf.

Oxen: Mir hat das Internet bei Eden als Erstes eine Firma angeboten, die Bettdecken herstellt. Danach kommen gleich die Urlaubsparadiese. Da geht es dann schon ein bisschen in Richtung Schlaraffenland: All you can eat und den ganzen Tag Massage. Warum auch nicht? Das Paradies ist ein Gegenbild zu der Welt, in der wir leben.

ZEIT: Sie denken nicht: Welches Recht haben die, unsere Begriffe zu kapern?

Özdil: Überhaupt nicht! In der westlichen Gesellschaft spielt Religion doch gar keine Rolle mehr, sie ist nicht einmal nebensächlich. Da freut man sich, wenn zumindest ein paar positive Assoziationen bleiben. Ich finde es auch immer schön, wie selbstverständlich Orte, von denen Menschen sich angezogen fühlen, Mekka genannt werden.

Ederberg: Mir ist bei diesem Thema vor allem eins wichtig: dass es Hoffnung gibt. Dass die Menschen nicht einfach in dem aufgehen, was ist. Wer keine Wünsche und keine Ansprüche ans Leben mehr hat, wird depressiv. Aber die Frage ist schon, ob wir unsere Hoffnung auf Bettdecken richten sollen. Es geht schon um mehr. Wir Juden sehen uns als eine Gemeinschaft, private Paradiese sind da nicht vorgesehen.

ZEIT: Doch jetzt mal ganz untheologisch gefragt: Auch Sie haben doch bestimmt einen Ort, von dem Sie sagen, hier ist mein Paradies, mein persönlicher Garten Eden?

Ederberg: Da ist die Fantasie schon ziemlich beschränkt. Paradiesisch sind für mich eher Momente: Verweile doch, du bist so schön. Aber Momente gehen vorbei, das liegt in ihrer Natur.

Oxen: Für mich gibt es schon Orte, die sich paradiesisch anfühlen. Wenn ich in Mecklenburg oder irgendwo an der Ostseeküste bin, dann empfinde ich eine ganz große Resonanz. Dann spüre ich, dass es hinter dem Gegebenen noch etwas anderes gibt, etwas Tieferes. Es geht natürlich um Schönheit, um den Himmel, die Weite, die Wellen. Aber es hat auch ganz viel mit Eingebundensein zu tun. Ich bin am Meer aufgewachsen, habe in großen Städten studiert und lebe seit Jahren in Wittenberg, was mir eigentlich ganz gut gefällt. Doch jeder Urlaub auf Rügen ist für mich wie eine Rückkehr ins Paradies der Kindheit – die Landschaft des Nordens, das bin ich.