Die bisherige Bilanz sieht düster aus: Mit über 90.000 bestätigten Influenzafällen und mehr als 350 Grippetoten ist die Grippesaison 2016/17 aus infektiologischer Sicht schon jetzt eine schwere, obwohl sie noch nicht vorüber ist. Die Zahlen meldete das Robert Koch-Institut (RKI) Ende der vergangenen Woche. Hätten mehr Menschen sich impfen lassen, hätte es weniger Todesfälle und Behandlungen auf Intensivstationen gegeben – da ist sich Udo Buchholz sicher, der das "Grippeweb" beim RKI leitet. Weil es gerade bei betagten Menschen wieder besonders schwere Krankheitsverläufe gab, diskutieren Infektionsmediziner bereits darüber, bei Ausbrüchen in Altersheimen zur Vorbeugung antivirale Medikamente zu verteilen.

Dabei hätte man viele Fälle wahrscheinlich mit einfachen Mitteln verhindern können. Medikamente entfalten ihre Wirkung erst, wenn Krankheitserreger schon in den Körper eingedrungen sind. Sogenannte nicht pharmakologische Maßnahmen setzen früher an, indem sie schon die Übertragung der Pathogene verhindern – oder zumindest weniger wahrscheinlich machen. Konkret bedeutet das: persönliche Hygiene und Meiden von Ansteckungsquellen.

Wie effektiv das sein kann, ist vor allem aus Studien in Krankenhäusern bekannt. Dort gehört der grüne oder blaue Mundschutz nicht nur für Chirurgen zur Grundausstattung. Wenn Ärzte oder Pfleger erkältet sind, ziehen sie ihn über Mund und Nase und bewahren so ihre Kollegen und Patienten vor einer Tröpfcheninfektion. Gleichzeitig tragen Patienten mit geschwächtem Immunsystem eine Maske, um sich selbst zu schützen.

Anders als in chinesischen, taiwanesischen und japanischen Metropolen sieht man den Mundschutz in Europa fast nie außerhalb von Kliniken – wieso eigentlich nicht? "Es gibt ganz gute Hinweise, dass so eine OP-Maske beispielsweise Ansteckungen innerhalb der Familie verhindern könnte", sagt Buchholz. Dafür sprechen zumindest die Ergebnisse der wenigen Studien, die außerhalb von Krankenhäusern stattfanden. Buchholz selbst war an einer beteiligt, es ging um den Schutz von pflegenden Angehörigen zu Hause. Trugen sie konsequent eine Maske über Mund und Nase, steckten sie sich seltener bei ihrem Familienmitglied an. Dabei war es wichtig, mit den Schutzvorkehrungen nach dem Beginn der Krankheitssymptome so schnell wie möglich zu beginnen.

Der Schutzeffekt dürfte nicht ausschließlich darauf beruhen, dass man durch die Maske weniger Keime einatmet. Der Mundschutz hält seinen Träger auch davon ab, mit einem keimübersäten Zeigefinger in der Nase zu bohren oder die Mundschleimhaut zu berühren. An genau diesem Punkt setzt die wichtigste aller Vorbeugungsmaßnahmen an, die Handhygiene. Experten sind sich einig, dass sich viele Infektionen dadurch wirksam vermeiden lassen. "Waschen mit normaler Seife, gefolgt von gründlichem Abtrocknen, kann die Keimzahl auf der Haut etwa um das 1.000-Fache reduzieren", sagt Klaus Heeg, Professor für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene am Uni-Klinikum Heidelberg. Wie wichtig die Hände als Übertragungsmedium für Krankheitserreger sind, demonstriert er seinen Medizinstudenten mit einem einfachen Experiment: Dabei geben sich 15 Leute der Reihe nach die Hand. Die Staphylokokken, die der Erste vom Versuchsleiter auf seine Finger bekommen hatte, sind danach auch beim Letzten noch nachweisbar.

Warum werden einfache Hygienemaßnahmen in Deutschland dann nicht konsequenter beworben? "Hygiene ist das Stiefkind der Infektionsmedizin, weil man damit kein Geld verdienen kann", sagt Wolfgang Schneider-Rathert. Der in Braunschweig praktizierende Allgemeinmediziner engagiert sich bei der Ärzteinitiative Mezis. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, Patienten die besten Medikamente zu verschreiben – unabhängig von Werbemaßnahmen der Pharmaindustrie. Aber viele Arzneimittel wären gar nicht notwendig, wenn sich alle an einige hygienische Grundregeln hielten. Schneider-Rathert glaubt, dass hinter zahlreichen Versäumnissen in der Infektionsvorbeugung finanzielle Gründe stecken: "Anstelle von Infektionsschutz werden teure antivirale Medikamente beworben, die kaum etwas bringen – und die man, wenn das Verfallsdatum erreicht ist, wegschmeißen muss. In Krankenhäusern wird die Reinigung outgesourct, um Geld zu sparen."