Tief im Westen Iowas, im Landkreis Carroll County, parke ich den Wagen auf einer Schotterstraße neben einem kleinen, offenen Container. Er enthält etwa zehn Schweinekadaver. Der Himmel hängt grau und schwer über der schwarzen Krume gepflügter Felder und dem hellbraunen Gras der Weiden ringsherum. Ein paar Farmgebäude sind auszumachen, aber kein Mensch und kein lebendiges Tier. So verlassen scheint dieser Fleck, dass noch nicht einmal Krähen herumlungern, um an den Schweinen zu picken, sobald ich wieder weg bin. Es ist windig und schneidend kalt. Mir kommen die Tränen. Und doch bin ich bester Stimmung. Denn vor mir liegt Eden.

Man kann sich unter dem Namen viele schöne Dinge vorstellen. Gärten mit Blumen und reifen Früchten sonder Zahl, vielleicht eine wüstenumsäumte Oase, es ist warm, keiner bleibt lange allein, und niemals kneift Hunger. Die Tiefgründigen betrauern die Vertreibung aus dem Ur-Paradies; die Optimisten glauben, die Welt ist schön und groß, und jeder kann ein neues, sein eigenes Eden finden.

Ich mache mich auf nach Iowa. Dort gibt es nämlich nicht nur ein Eden – sondern gleich acht! Acht Townships mit dem verheißungsvollen Namen. Schon rein rechnerisch stehen also meine Chancen, das Paradies zu finden, im Mittleren Westen ganz gut. Außerdem ist Iowa der einzige US-Bundesstaat, der von zwei Strömen umspielt wird, dem Mississippi zur Rechten, dem Missouri zur Linken. Da stimmt sogar der biblische Rahmen.

Auf der Landkarte, die ich zum Start kaufe, ist allerdings keines meiner Edens eingezeichnet. Townships klingen zwar nach town, sind aber keine Orte, sondern Unterbezirke der Countys. Auf kurzem, direktem Weg ins Paradies zu gelangen kann ja auch nicht Sinn der Sache sein. Ich markiere die Landkreise, in denen Eden zu finden sein soll.

© ZEIT-Grafik

Von der Hauptstadt Des Moines, ziemlich in der Mitte des Bundesstaates, steuere ich den Mietwagen auf den linken Rand meiner Landkarte zu. Des Moines ist schon nicht groß und nicht hektisch, aber es dauert nur ein paar Fahrminuten auf dem Interstate Highway 80, da liegt noch das kleinste Stadtgefühl weit zurück. Scheinbar grenzenlos breitet sich das Land in alle Richtungen aus, keine Berge, keine dichten Wälder, keine scharfen Kurven. Weit und offen rollende Prärie: So sieht die Erde für mich aus, auch wenn sie seit vielen Bauerngenerationen fast vollständig Farmland sein mag, und schwerelos gleite ich darin fort. Nur gelegentlich rücken einige Hügel enger zusammen, brechen Kanten jäh ab, ein winterstarres Wäldchen duckt sich in das Tal, durchschlängelt von einem Bach, und ich denke, hier könnten ein paar Tipis stehen, und ich könnte einer der ersten Weißen auf der Suche nach einem unverbrauchten Platz sein.

In Woodbine finde ich ein Motel. Reservieren kann man allerdings nur telefonisch. Ein Telefon habe ich nicht dabei, und einen Münzfernsprecher finde ich nicht. Irgendwann kommt ein Auto die Straße herauf. Der Fahrer wohnt auch im Motel und ruft für mich die Besitzerin an. Ich gebe meine Kreditkartennummer durch und bekomme dafür den Zahlencode fürs Zimmerschloss. Der Fahrer ist Brückenbauer. Was ich hier mache? Eden in Iowa suchen? Er lacht nicht einmal. "Der langweiligste Staat, den ich kenne, und ich sollte sie alle kennen, seit 40 Jahren rauf und runter unterwegs im Mittleren Westen!"

Der Ortskern von Woodbine besteht aus zwei kurzen Straßen mit Geschäften in Backsteinbauten von der vorletzten Jahrhundertwende. Bilderbuchamerika im heartland mit Post, Friseur, Autowerkstatt, den Niederlassungen des Veteranenvereins American Legion und der Farm-Versicherung, einem Immobilienmakler, der Bank, einem Restaurant. Vieles ist geschlossen, einige Läden sind verrammelt, die Schaufenster leer, verblichene Reklame aus einer Zeit, als die nächste Mall und Online-Shopping noch fern waren. Man müsste nur ganz wenig aus dem Bild nehmen, dann könnten wir uns hier in jedem Jahrzehnt der letzten hundert Jahre bewegen.

Da ich nirgendwo einkehren kann, besorge ich mir im Laden ein paar Vorräte und freue mich über den Campingkocher, den ich wie immer im Gepäck habe. Es gibt Reis mit Dosenzeug auf dem Motelbett liegend, und aus der Nacht tönt das Signal eines Güterzuges der Union Pacific Railroad. Fährt er rüber nach Chicago oder hinunter nach Kansas City? Keine Ahnung, wie meinen Brückenbauer all das langweilen kann.