DIE ZEIT: Frau Nordhold, am 12. März werden Sie 100 Jahre alt, seit 86 Jahren sind Sie in der SPD. Ist sich auch die Partei treu geblieben?

Luise Nordhold: Nein. Nicht wirklich. Aber ich hoffe, dass Martin Schulz jetzt wieder anfängt, wo wir mal aufgehört haben ...

ZEIT: Wann war das?

Nordhold: Unter Schröder. Nicht alles an seiner Politik war falsch, aber ich werfe ihm vor, dass er so viel schlecht bezahlte Arbeit zugelassen hat. Andererseits hat er viele von der Straße geholt. Was ich ihm wirklich übel genommen habe, ist, dass er dann in die Wirtschaft gegangen ist.

ZEIT: Das war früher undenkbar?

Nordhold: Früher kamen alle aus der Arbeiterbewegung und blieben dort auch. Kindergeld, bezahlte Feiertage, Karenztage bei Krankheit, mehr Lohn – dafür haben wir gekämpft!

ZEIT: Warum sind Sie in die SPD eingetreten?

Nordhold: Mein Vater, der war Dreher, und meine Mutter, Schneiderin, die waren bei der SPD in Bremen. Ich bin erst zu den Kinderfreunden gegangen, dann in die Arbeiterjugend, dann in die Partei. Meinen Mann, den Richard, habe ich auch da kennengelernt. Er konnte hervorragend singen und Waldzither spielen. Es scharte sich immer alles um Richard Nordhold.

ZEIT: Wurde zu Hause viel über Politik geredet?

Nordhold: Aber ja. Alles ist politisch, sagte mein Vater. Einkaufen zum Beispiel. Oder im Verein zu sein. Als ich mal für ein Turnfest eines bürgerlichen Vereins ausgewählt wurde, hat er mir verboten, teilzunehmen.

ZEIT: War die KPD keine Option für Sie?

Nordhold: Nein, die haben uns bekämpft! Aber 1931, da spaltete sich die Sozialistische Arbeiterpartei ab von der SPD. Drei von denen kamen 1932 zu unseren Volkstanzabenden. Die SPD fanden sie zu lasch. Wenig später habe auch ich gesagt: Papa, ich trete aus! Luise, hat mein Vater gesagt, genau das wollen die Nazis: dass die Arbeiterschaft sich noch mal spaltet. Das hat mich überzeugt.

ZEIT: Haben Sie später noch einmal erwogen, der Partei den Rücken zu kehren?

Nordhold: Nie. Wenn man etwas verändern will, nützt ja kein Austreten.