Im Mai entscheiden die Franzosen, ob es Europa noch geben wird. Sie machen es spannend. Um die Ungewissheit zu ertragen, kann man sich auf die guten Umfragewerte des linksliberalen Emmanuel Macron berufen. Man kann beide Augen fest zumachen und erst wieder öffnen, wenn alles vorbei ist. Man kann sich auch fragen: Wie konnte dieses schöne Land sich dem Abgrund so weit nähern, in den es sich selbst und seine Nachbarn zu stürzen droht?

Grund Nummer 1: Charles de Gaulle

François Fillon wirkt wie eine Figur aus einem Chabrol-Film, die sich immer tiefer verstrickt: Eben noch angesehener Notar, jetzt verscharrt er eine Leiche im Garten. So stand Fillon am Sonntag am Trocadero und hetzte das Volk gegen Justiz, Presse und Parlamentarier auf. Ungeheuerlich wirkt das nur auf den ersten Blick. Denn so ungefähr wird es sich Charles de Gaulle vorgestellt haben, als er die Verfassung ersann: Der Präsident regiert das Volk, die anderen sehen zu. Wenn alle politischen Akteure einen in zwei Weltkriegen gestählten Charakter wie de Gaulle hätten, wäre es vielleicht gut gegangen. Doch wer hält heute noch so viel Macht aus?

Die Befugnisanhäufung des französischen Präsidenten ist beispiellos. Sie hat paradoxerweise dazu geführt, dass er praktisch nichts mehr durchsetzen kann. Der jeweilige politische Gegner wartet, bis er wieder dran ist. Kompromisse braucht niemand. Die ökonomischen Probleme sind Zeichen dafür, dass es keinen Konsens gibt und ihn auch niemand sucht. Wieso auch? An den politischen Rändern spielt die Musik. Le Pens Radikalität tarnt sich mit der Radikalität ihrer Mitbewerber. Der Linke Jean-Luc Mélenchon will die 32-Stunden-Woche, Rente ab 60 und höhere Beamtengehälter. Wer bietet mehr?

Frankreich-Wahl - Von "Frexit" bis Grundeinkommen Durch zahlreiche Skandale treten Inhalte im französischen Wahlkampf in den Hintergrund. Ein Überblick, wofür die fünf aussichtsreichsten Kandidaten eintreten. © Foto: Jeff J Mitchell/Getty Images

Grund Nummer 2: Paris

In den Vierteln um die Hauptstadt herum wohnen Leute, die noch nie in Paris waren. Im Dokumentarfilm Swagger über die verarmten Vorstädte sagt eine Schülerin über die Pariser: "Ich habe noch nie einen von ihnen gesehen, aber ich stelle sie mir ganz normal vor." Nun, ganz normal sind sie nicht. Schmale Bürgersteige, stinkende Wasserrohre, Fruchtfliegen- und Rattenplage, Luftverschmutzung – noch der Großzügigste kommt hier bald auf den Gedanken, dass der Platz nicht für alle reicht. Privilegien gilt es zu verteidigen. An winzigen Bistrotischen sitzen gedrängt diejenigen, die sich aus sicherem Abstand beäugen sollten: CEOs, Journalisten, Verleger, Politiker, Richter. Sie haben alle zusammen studiert, ihre Töchter spielen im selben unbezahlbaren Tennisclub. Ein Model nimmt der Tochter eines Journalisten den Mann weg, bevor sie den Präsidenten heiratet.

Grund Nummer 3: Algerien

Macron sagte neulich bei einem Besuch in Algier: Der Kolonialismus war ein Verbrechen, für das die Franzosen sich entschuldigen sollten. Was sich für Deutsche naheliegend anhören mag, war in Frankreich eine Provokation. Die Entrüstung war so groß, dass es schließlich Macron war, der sich bei den Franzosen entschuldigte. Für viele ist der Kolonialismus ein gut gemeintes Projekt, das leider gescheitert ist: eine schmerzhafte Geschichte für beide Seiten, bei der nicht feststeht, wer Täter und wer Opfer ist. An dieser Fiktion konnte man festhalten, solange die in Frankreich lebenden Muslime mitspielten. Die dritte Generation Einwanderer tut es nicht mehr. Der islamistische Terror, der Europa seit zwei Jahren plagt, ist bei genauem Hinsehen vor allem ein Kampf von Franzosen mit nordafrikanischen Großvätern gegen andere Franzosen. Die jüngsten, teils gewaltsamen Demos gegen Polizeiwillkür kommentiert der algerischstämmige Rapper Fianso so: "Es tut mir ja leid, dass die Leute sich gestört fühlen, aber die Zeit ist vorbei, als wir uns entschuldigt haben, dass wir überhaupt existieren." Die Bedrohung wächst. 28 Prozent der Muslime lehnen die Werte der Republik ab. Marine Le Pen reicht den Franzosen ihre starke Hand.

Grund Nummer 4: Wir, also die Deutschen

Le Pen hat es so lange behauptet, bis viele ihr glaubten: Der Euro sei eine Erfindung der Deutschen, um den Franzosen zu schaden. Das stimmt natürlich so nicht. Aber etwas Wahres ist daran. Die gemeinsame Währung bringt uns beim Handel Vorteile: Der Wechselkurs des Euro zu anderen Währungen ist niedriger, als es der einer deutschen Währung allein wäre. Weniger wettbewerbsfähige Länder wie eben Frankreich drücken den Wert. Deutsche Produkte sind im Ausland günstiger, als sie es ohne Euro wären. Für die französische Wirtschaftskraft ist der Euro dagegen wegen des Einflusses der starken deutschen Volkswirtschaft zu hoch bewertet. Es hält sich dennoch die deutsche Idee, der Kontinent lebe auf unsere Kosten. Trinken die Franzosen nicht schon mittags Wein, wie die Griechen? Das stimmt. Aber sie bekommen trotzdem mit, was wir über sie sagen, und warum an einer schwierigen Union festhalten, wenn der andere auch kein großes Interesse zeigt?

Grund Nummer 5: Marine Le Pen selbst

Wie kann sie so selbstbewusst sein, während die AfD ständig über eigene Widersprüche stolpert? Le Pen kann auf eine lebendige rechtsextreme Theorie zurückgreifen. Die Nouvelle Droite bearbeitet seit 50 Jahren ohne jede Verdruckstheit die Frage: Wie kann der Nationalismus intellektuell wieder aufgerüstet werden? Auf ihren Vordenker Alain de Benoist beziehen sich Trumps Sicherheitsberater Stephen Bannon und der russische Nationalist Alexander Dugin. Biologischer Rassismus und Antisemitismus interessieren de Benoist nicht. Bei ihm ging es um Kulturkreise, Identität, Migration, lange bevor Frankreichs Politik vollständig um diese Thematik kreiste. Geblieben ist die Idee, dass Zusammenleben ein Kampf ist. Es gibt Starke und Schwache, und am Ende gewinnt immer der – oder die – Stärkere.