"Ich wünschte, ich könnte meinen Geschmack an der Gartenkunst der ganzen Welt einflößen. [...] Wer von dieser Leidenschaft hingerissen wird, der einzigen, die mit dem Alter zunimmt, legt von Tag zu Tag diejenigen immer mehr ab, welche die Ruhe der Seele oder die Ordnung der Gesellschaft stören." Charles de Ligne (1735–1814)

Hinter einem schweren Holztor am Ende der Palmenallee liegt das gelobte Grün. Der linke Torflügel ist mit Händen aus Silber beschlagen, den fünf Fingern der Fatima, in Marokko ein Glückssymbol und Abwehrzauber gegen böse Geister. Die müssen draußen bleiben. Alle anderen dürfen über die Schwelle im rechten Torflügel eintreten, dürfen durch einen raschelnden Bambushain und weiter unter den zusammengeflochtenen Kronen alter Olivenbäume in einen verwunschenen Garten schreiten. Längs des Pfades duftet der Lavendel. Im Blättertunnel trillern graue Bülbüls. Der Klang sprudelnden Wassers lockt zu einem umbuschten Teich mit Fontänen und einer grazilen Brücke. Anima, der "beseelte" Garten, den André Heller in Marokko, südlich von Marrakesch am Fuß des Hohen Atlas, geschaffen hat, heißt im Untertitel "Le Retour du Paradis".

Bekanntlich ruht im Paradies das Lamm neben dem Löwen. Auch hier liegt wundersam benachbart, was sich andernorts gern beißt: das Löwenmäulchen neben dem Kaktus, die Rose neben der Banane, die Engels- neben der Klettertrompete, die Botanik neben der Gartendekoration. Heller, kein Freund allzu großer Übersichtlichkeit, hat ein verschlungenes Wegenetz durchs labyrinthische Grün entworfen und darin Skulpturen und Installationen platziert. Einige sind seine Entwürfe, andere stammen von bekannten Künstlern wie Alexander Calder und Keith Haring. Monumentale Kegel aus bunt bemaltem Beton spitzen zwischen den Agaven. Über den Weg spannt sich ein von Bougainvilleen umranktes Metalltor in Form von gespreizten Händen und zwei aufgerissenen blauen Augen, das auch als ein Paar einander zugewandter Hähne durchgehen könnte. Ein rostiges, aus Eisen gefaltetes und mit fabelhaften Gestalten bemanntes Schiff namens Hoffnung pflügt durch das raschelnde Grasmeer. Dem Esel, der am meisten geschundenen Kreatur in Marokko, ließ Heller von seinen Mosaiklegern ein Denkmal setzen: Als Herr in Schlips und Kragen steht er aufrecht unter Palmen, die Vorderhufe stecken in Boxhandschuhen. Wer an dieser Stelle noch immer nicht lächelt, ist wohl im falschen Garten.

Mit Anima hat André Heller die eigene Scholle als Ort der Beglückung entdeckt. Nicht als Erster und nicht besonders früh, sondern "gefährlich spät im Leben", wie er beim gemeinsamen Gang durch den Garten sagt. Heller trägt Lederjacke und zugezippten Pullover, seine Besucherin ist ohne Strümpfe gekommen – eine unkluge Entscheidung im nordafrikanischen Winter. Vor knapp einem Jahr hat Heller Anima eröffnet und lebt nun selbst die Hälfte des Jahres jenseits der Gartenmauer.

Man kennt ihn als Chansonnier und Schmerzenspoeten, Zirkus- und Varieté-Impresario, großrahmigen Feuerwerker und Multimediakünstler, der Welterfolge und krachende Debakel einfuhr. Seit Jahren schon entwirft er Heckenlabyrinthe, Wunderkammern und Wasserspiele für andere. Und am Gardasee kaufte er einen ehrwürdigen Giardino Botanico, um ihn vor dem Verfall zu retten. Anima aber ist sein erstes ganz eigenes Projekt. Sein gesammeltes Wissen über die Inszenierung von Gartenräumen, Blickachsen, Licht und Schatten steckt darin. Und eine persönliche Sehnsucht: einen Ort zur inneren "Heilung und Verfeinerung" zu schaffen. "Es war das Richtigste, was ich zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben verwirklichen konnte", sagt er.

Im Boden zu wühlen ist die älteste Tätigkeit im Himmel wie auf Erden. Gleich nach dem Sex kommt Gärtnern dem Schöpfungsakt am nächsten. Daher strebt der Mensch seit seiner Verstoßung aus dem Paradies zurück zu diesem vollkommenen Ort. Unterwegs sind ihm zwar die Reineclaude, der Weinstock und die Bourbonrose geglückt – immerhin, Gott sei Dank. Gärtner haben Schönes und Sinnvolles geschaffen, im besten Fall Kunstwerke, die sie überdauern, aber Vollkommenheit ist hienieden nun einmal nicht zu haben. Heller nennt Anima deshalb auch einen "Paradies-Versuch". Von hier soll der Sünder nicht vertrieben werden, hier soll er Einkehr finden – und braucht keine Schlange zu fürchten.

"Die Schlange ist ja der Mensch selbst", sagt Heller. Die Kreatur voll Gift und Galle. In seiner wilden Zeit als "Kaffeehausdiskutant und Bürgerschreck" sei er sich selbst sein erbittertster Feind gewesen, ein Mann mit "Hass-Erektionen", drogenabhängig, ein großer Kränker und Gekränkter, der in einer Anwandlung von Raserei Bilder seiner Kunstsammlung zerschlitzte. Nun wird er 70 und ist die Milde in Person. Ein großer Grinser war er nie. Die Locken sind weiß geworden. Raste, Krieger.

Dass er in Marokko zur Ruhe kommt, ist kein Zufall. Seit seiner Kindheit in Wien habe er eine "vollkommene Heimatlosigkeit" gefühlt, sagt er, und der einzige Ort, an dem sich seine Seele verankert fühlte, sei das große Palmenhaus des Kaiserlichen Botanischen Gartens im Park von Schloss Schönbrunn gewesen; der "südlichste Süden", den der Knabe erreichen konnte. Während draußen der Schnee auf österreichische Eiben fiel, träumte Heller davon, in diesem Palmensaal zu hausen. Auch sein erster Roman Das Buch vom Süden, 2016 erschienen, erzählt von dieser Sehnsucht.