Als der Kollege Kai Diekmann, lange Chefredakteur der Bild, vor ein paar Wochen in die USA flog, um Donald Trump für ein Interview zu treffen, hatte er ein Stückchen der Berliner Mauer im Gepäck. Leicht hätte dieses Gastgeschenk die Stimmung vergiften können. Dem reizbaren Mauerbauer ein Souvenir zu überreichen, das an die Träume von 1989 erinnert, als die Grenzen fielen und eine neue, unvermauerte Epoche zu beginnen schien, war zumindest gewagt.

Doch Trump nahm das Mitbringsel frohgemut entgegen, offenbar begriff er es nicht als historische Mahnung, eher schon als Versprechen auf die Zukunft. Kein anderes Bauwerk des 20. Jahrhunderts war so prägend, so machtvoll wie die Mauer zwischen Ost und West. Und auf ebendiese Macht zu bauen, auf die schneidend-scheidende Wirkung von Architektur, hat sich Trump ja vorgenommen.

Im Wahlkampf noch als dumpfer Bluff belächelt, beginnt in dieser Woche die offizielle Auslobung. Wer immer möchte, darf sich um den Auftrag bewerben, die Grenze zwischen Mexiko und den USA mit einer "großen, großen Mauer" zu befestigen. Doch Achtung, die Mauer soll nicht nur groß, sie soll, geht es nach Trump, auch unbedingt "schön" sein.

Noch bevor allerdings geklärt ist, was in diesem Fall unter Schönheit zu verstehen wäre, setzt bereits die moralische Debatte ein. Ist es nicht menschenverachtend, ein solches Sperrwerk in die Gegend zu stellen? Bauwütiger Größenwahn? Geldverschwendung? Und sollte es nicht Firmen aus Deutschland, dem langjährigen Mauermeisterland, grundsätzlich verboten sein, dieses gewaltigste Architekturprojekt der Gegenwart zu unterstützen? Der Berliner Bürgermeister Michael Müller fühlte sich bereits zur Warnung bemüßigt: "Dear Mr. President, don’t build this wall!"

Die amerikanisch-mexikanische Grenze, 3.144 Kilometer lang, ist natürlich ein tolles Geschäft. Bis zu 40 Milliarden Dollar könnte die Bewehrung kosten, heißt es in ersten Schätzungen. An Beton würde man wohl 19 Millionen Tonnen brauchen, und weil sich niemand vorstellen kann, wie viel das ist, sind die Zementherstelleraktien schon mal kräftig im Börsenwert gestiegen.

Das Unterfangen polarisiert wie kaum ein anderes. Während sich die Anhänger des Präsidenten nichts sehnlicher wünschen als die unüberwindliche Abschottung, will im Rest der freien Welt so gut wie niemand verstehen, was das Ganze soll. Dabei ist Trump keineswegs allein mit seinen Plänen. Denn die Gegenwart reißt viele Grenzen ein, errichtet dafür aber umso mehr neue.

Mochten die Berliner Mauerspechte noch glauben, sie seien die Avantgarde einer globalen Entgrenzungsbewegung, begann schon bald nach dem Ende der bipolaren Weltordnung ein neues Abzäunen und Einfrieden. 221 Kilometer lang ist die Betonwand, die zwischen der Türkei und Syrien verläuft, gewissermaßen als europäische Südgrenze. Auf rund 900 Kilometer soll die Mauer anwachsen, die Israel von Ägypten und dem Westjordanland trennt. Noch länger, über 4.000 Kilometer, ist die zugerüstete Grenze zwischen Indien und Bangladesch. Ähnlich schirmt sich Tunesien gegen Libyen ab, Kenia gegen Somalia oder auch Saudi-Arabien gegen den Irak, wo über 900 Kilometer hinweg drei Zäune, dazu die heute üblichen Radarsysteme und Kameras für die erwünschte Undurchdringlichkeit sorgen.

Albrecht Dürer, Michelangelo, Leonardo – viele Künstler planten Festungen

Je näher die globalisierte Welt zusammenrückt, desto öfter verlangt es die Staaten nach Distanzierung. Mehr denn je setzen sie auf Selbsteinmauerung und bringen es alles in allem auf 40.000 vergitterte, festungsgleiche Kilometer, schätzt Élisabeth Vallet, eine Geografin aus Montreal. Damit ist diese Grenze so lang, dass sie die Erde einmal umspannen könnte, wie ein Gürtel aus Stacheldraht.