Noch immer grüßt der IS in Ostmossul: Auf einem Wandgemälde neben einer Hauptstraße haben die Dschihadisten das Kolosseum verewigt. "Wir werden Rom erobern", hatten sie danebengeschrieben. Die Parole haben die Bewohner der Stadt mittlerweile zu übermalen begonnen. Das Kolosseum ist noch da. Genau wie die Angst.

Fast 30 Monate lang herrschte der IS über Mossul. Im Juni 2014 rief er hier, in der zweitgrößten Stadt des Iraks, sein "Kalifat" aus und begründete eine Terrorherrschaft, die Millionen Bürger wider Willen umfasste. Jetzt ist der IS in der Defensive, besiegt ist er noch nicht. Den Osten Mossuls hat die irakische Armee seit November nach und nach zurückerobert. Im Westen, auf der anderen Seite des Tigris, der die Stadt in zwei Hälften teilt, harren die IS-Kämpfer noch aus und liefern sich schwere Gefechte mit der Armee. Es ist die Endschlacht um den IS-"Staat", das stolzeste Projekt der Terroristen.

Auch Ostmossul ist deshalb noch unsicher. Ab und zu schickt der IS Selbstmordattentäter. Oder er lässt seine Drohnen Mörsergranaten abwerfen. Jeden Tag, sagen Ärzte hier, sterben ein oder zwei Menschen auf diese Weise.

Während der IS-Herrschaft war es für Journalisten unmöglich, nach Ostmossul zu gelangen. Jetzt kann man hier immerhin der Frage nachspüren, wie das Leben nach dem IS aussieht. Natürlich fällt als Erstes die Zerstörung ins Auge: Viele Häuser sind von Einschusslöchern übersät, ihre Flachdächer von Bomben und Granaten zusammengefaltet wie Papier. An den Kreuzungen füllen sich Krater mit Regenwasser. Auf der anderen Seite haben gar nicht so wenige Geschäfte geöffnet: Es gibt Kartoffeln und Möhren; Lammfleisch und Würste; Waschmaschinen und Fahrräder. Sogar die Müllabfuhr dreht ihre Runden.

Aber das wahre Ausmaß der Zerstörung lässt sich nicht mit dem Auge erfassen.

Im Viertel Al-Nur steht am Ende einer ruhigen Straße zwischen Wohnhäusern eine Schule. Erst seit dem 5. Februar wird wieder unterrichtet. Alles ist improvisiert. In den Klassenzimmern sitzen teils über 60 Schüler, drängen sich zu dritt oder zu viert auf Bänken, die für zwei Kinder gedacht sind. Kaum jemand hat Hefte oder Stifte. Es ist kalt, weil es an Heizöl mangelt.

"Die Kinder sind fast zwei Jahre hinterher", sagt die Direktorin. Nachdem der IS Mossul an sich gerissen hatte, hätten viele Eltern ihre Kinder zu Hause behalten, erzählt sie. Als die Dschihadisten später eigene Schulbücher einführten, in denen mit Patronenhülsen gerechnet wurde, Fächer wie Biologie und Kunst nicht mehr vorkamen, hätten nur noch IS-Kämpfer und -Unterstützer ihren Nachwuchs zum Unterricht geschickt.

Diese Kinder sind immer noch auf der Schule. "Und wir wissen natürlich, wer ihre Eltern sind", sagt die älteste der Lehrerinnen, die erkennbar kein Blatt vor den Mund nehmen mag. "Von denen sind einige als IS-Kämpfer gestorben. Und andere sind noch hier. Ehrlich, ich habe Angst vor denen!" Sie wünscht sich, diese Schüler würden Mossul mitsamt ihren Familien verlassen.

Plötzlich schreit in einem Klassenzimmer ein Mädchen panisch und anhaltend nach seiner Mutter. Aus einer Gruppe von sechs Frauen, die schweigend am Eingang der Schule stehen, löst sich eine und geht auf das Klassenzimmer zu. Es sieht nach Routine aus: als passiere so etwas hier öfter. Die Kinder seien vom Krieg traumatisiert, sagt eine Lehrerin. "Langsam wird es besser."

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Ein paar Meter die Straße runter verkauft ein etwa 60 Jahre alter Herr in Hemd und Weste Chips und Getränke. Er sitzt auf einem Stuhl vor seinem Laden, neben ihm hocken zwei Freunde. Sein Geschäft, sagt er, war auch zu IS-Zeiten geöffnet. "Aber das Leben war schwer. Die Hisbah, die Sittenpolizei, hat ständig kontrolliert, ob unsere Bärte lang genug und unsere Hosen nicht zu lang sind. Fernsehen, Rauchen, Radio, alles war verboten." Heimlich hätten sie manchmal eine versteckte Satellitenschüssel angeschlossen, um an Nachrichten zu kommen. Immer voller Angst. Denn wer Glück hatte, sagt er, bekam Prügel, falls er erwischt wurde. Und wer Pech hatte? "Hinrichtung."

Die meisten IS-Kämpfer, die in diesem Viertel gelebt haben, sagt der Ladenbesitzer, seien Tschetschenen und Russen gewesen. Die seien jetzt tot oder kämpften im Westen der Stadt.

Was ist mit einheimischen Unterstützern?

"Es waren nicht viele. Aber wir wissen, wer sich als Erstes afghanische Klamotten übergeworfen hat." Afghanische Klamotten – damit meint er die vom IS präferierte Kleidung für Männer: Langhemd zu knöchellangen Stoffhosen. Doch die drei Männer lassen durchblicken, dass sie es für unklug halten, mit diesen Namen hausieren zu gehen. Zu ungewiss ist die Zukunft. Deshalb wollen sie auch ihre eigenen Namen nicht nennen. Elektrizität und Wasser, meint der Ladenbesitzer, das sei jetzt das Wichtigste: "Dann sehen wir weiter."