ZEIT: ... verzeihen Sie, aber ich verstehe nicht, was Proselytismus meint.

Franziskus: Das ist das Abwerben Andersgläubiger, wie bei einer Wohltätigkeitsorganisation, die Mitglieder anwirbt. Dann kommen viele junge Leute, die sich nicht berufen fühlen und die die Kirche ruinieren werden. Entscheidend ist die Auswahl. Und auch die Empörung der Menschen – wie Sie und Ihre Tochter sie empfunden haben: Wieso ist hier kein Priester, um die Eucharistie zu feiern? Das schwächt die Kirche, denn eine Kirche ohne Eucharistie hat keine Kraft. Die Berufung von Priestern stellt ein Problem dar, ein enormes Problem.

ZEIT: Es braucht also die wahre Berufung, wie Sie sie empfunden haben, als Sie kurz davorstanden zu heiraten?

Franziskus: Aber nicht doch!

ZEIT: Als Sie siebzehn waren ...

Franziskus: ... aber ich war nicht dabei zu heiraten! (lacht)

ZEIT: Zumindest hatten Sie eine Verlobte, ich habe das so gelesen.

Franziskus: Das stimmt, ich hatte eine Verlobte, aber Journalisten übertreiben – Verzeihung! (lacht)

ZEIT: Deshalb überprüfe ich doch jetzt auch alles!

Franziskus: Das ist gut, es wird immer viel erzählt, aber ich bin ein ganz normaler Mensch. Kein bisschen ungewöhnlicher als andere.

ZEIT: Allein die Tatsache, dass Sie das sagen, ist außergewöhnlich.

Franziskus: Na gut, vielleicht ist nicht alles an mir gewöhnlich.

ZEIT: Wenn Sie auf die Jungen setzen wollen – müssen Sie dann nicht Anreize schaffen, die heute fehlen? Ihnen beispielsweise sagen, dass man nicht mehr auf ein Gefühls- und Liebesleben verzichten muss, um Priester zu werden? Als Bischof vielleicht oder als Kardinal – aber nicht als Priester?

Franziskus: Über den freiwilligen Zölibat wird in diesem Zusammenhang immer wieder gesprochen, vor allem dort, wo es an Klerus mangelt. Doch der freiwillige Zölibat ist keine Lösung.

ZEIT: Was ist mit den Viri probati, jenen "bewährten Männern", die zwar verheiratet sind, aber aufgrund ihres nach katholischen Maßstäben vorbildlich geführten Lebens zu Diakonen geweiht werden können?

Franziskus: Wir müssen darüber nachdenken, ob Viri probati eine Möglichkeit sind. Dann müssen wir auch bestimmen, welche Aufgaben sie übernehmen können, zum Beispiel in weit entlegenen Gemeinden.

ZEIT: In weit entlegenen Gemeinden? Den konservativen amerikanischen Kardinal Raymond Burke, der als einer Ihrer ärgsten Widersacher im Vatikan gilt, haben Sie gerade auf die Insel Guam irgendwo im Pazifik geschickt – manche sagen: verbannt.

Franziskus: Kardinal Burke ist wegen eines schrecklichen Vorfalls dorthin gereist. Dafür bin ich ihm sehr dankbar, es gab dort einen schlimmen Missbrauchsfall, und er ist ein exzellenter Jurist, aber ich glaube, dass der Auftrag fast schon erledigt ist.

ZEIT: Warum ist das für die katholische Kirche nicht der richtige Moment, um den Zölibat aufzuheben oder zu lockern?

Franziskus: Es geht der Kirche stets darum, den richtigen Augenblick zu erkennen, zu erkennen, wann der Heilige Geist nach etwas verlangt. Deshalb sagte ich, über die Viri probati wird weiter nachgedacht.

ZEIT: In einigen Gegenden der Welt wächst die Kirche, während sie woanders wie in Europa schrumpft. Hat sich Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt, darauf bezogen, als er sagte: "Die Kirche der Zukunft wird klein werden"?

Franziskus: Ja, das hat er gesagt, und ich glaube, man kann es wörtlich auch so verstehen. Die Mehrheit der Leute denkt, dass sie gläubig sind oder agnostisch, ohne jedoch einer Kirche anzugehören. Allerdings weiß ich nicht mehr, wie genau Benedikt sich ausgedrückt hat. Bestimmt kann man seine Sicht teilen, und bestimmt ist sie fundiert, denn alles, was Benedikt sagt, hat Hand und Fuß. Er ist ein großer Theologe.

ZEIT: Er ist ja auch ein deutscher Theologe.

Franziskus: Eben. (lacht)

ZEIT: Gianfranco Ravasi, Kurienkardinal und Präsident Ihres Kulturrates, hat heute Morgen – nur wenige Stunden vor unserem Gespräch – im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur gesagt, dass er das Diakonat der Frau für möglich hält. War das mit Ihnen abgesprochen?

Franziskus: Ich will Ihnen sagen, wie es war, denn es gibt – bei allem Respekt – diesen Informationsfilter namens Journalisten. Die Sache war so: Vor ungefähr einem Jahr habe ich sämtliche Oberinnen der Ordensgemeinschaften einberufen. Sie sind gekommen, und ich habe ihnen vorgeschlagen, sie sollten statt der förmlichen Ansprache, für die ich sowieso nicht viel übrig habe, Fragen stellen. Ein Dialog ist so viel stärker, so viel menschlicher. Eine der Fragen lautete fast wörtlich: Allem Anschein nach gab es in der alten Kirche Diakoninnen. Wieso bilden wir nicht eine Studienkommission, um herauszufinden, was diese Frauen taten und ob sie geweiht waren oder nicht? Ich habe geantwortet: Ja, warum nicht? Das wäre eine gute Gelegenheit, das Thema zu erforschen. Sie stellten mir eine Bedingung: Ich soll mit Kardinal Müller (dem ehemaligen Bischof von Regensburg und heutigen Präfekten der Glaubenskongregation, Anm. d. Red. ) reden. Ich habe die Oberin und Kardinal Müller angerufen und gesagt: Schicken Sie mir bitte eine Liste von rund zehn Personen, Männern und Frauen, die der Kommission angehören sollen. Dann habe ich eine Kommission aus möglichst offenen, kompetenten Leuten von beiden Listen zusammengestellt. Es ging darum, das Thema zu erforschen, und nicht, eine Tür zu öffnen.

ZEIT: Und was ist beim Forschen bislang herausgekommen?

Franziskus: Ein syrischer Professor erklärte: Die Frage ist nicht, ob es geweihte Frauen gab oder nicht, sondern was sie taten. Er nannte drei Dinge: Die Frauen halfen bei der Taufe, bei der Salbung kranker Frauen, und wenn eine Frau sich beim Bischof darüber beklagte, von ihrem Mann geschlagen zu werden, schickte der Bischof eine Diakonin, um die blauen Flecke zu untersuchen. Mal sehen, was die Kommission noch herausfindet. Im März kommt sie, soweit ich weiß, zum dritten Mal zusammen, und ich werde vorbeischauen und mich nach dem Stand der Dinge erkundigen.