ZEIT: Sind die Plakate, die in Rom aufgetaucht sind und Ihnen vorwerfen, unbarmherzig zu sein und Ihre Kardinäle nicht anzuhören, oder der gefälschte Osservatore Romano, in dem Sie auf jede der Ihnen gestellten Fragen mit "Ja und nein" antworten, bereichernd?

Franziskus: Der gefälschte Osservatore Romano nicht, aber der römische Dialekt der Plakate war großartig. Den hat nicht irgendeiner von der Straße geschrieben, sondern ein kluger Kopf.

ZEIT: Jemand aus dem Vatikan?

Franziskus: Nein, ich sagte doch: ein kluger Kopf. (lacht) Wie auch immer, das war großartig!

ZEIT: Es ist großartig, dass Sie darüber lachen können!

Franziskus: Aber ja doch. Es gibt dieses Gebet, das Thomas Morus zugeschrieben wird, das bete ich jeden Tag: "Herr, schenke mir Sinn für Humor!" Der Herr bewahrt mir meinen Frieden und schenkt mir viel Sinn für Humor. Allerdings bin ich noch nicht so weit wie der wunderbare Pater Kolvenbach, der 25 Jahre lang Generaloberer der Jesuiten war und im vergangenen Jahr gestorben ist. Er konnte über sich und andere herzlich lachen, sogar sich selbst auf den Arm nehmen, doch stets auf konstruktive und positive Art.

ZEIT: Aber gibt es nicht eine Art von Kritik, bei der Sie als Papst sagen müssen: "Basta, jetzt reicht’s!"?

Franziskus: Ich habe schon so viele Male "Basta!" gesagt!

ZEIT: Und, ist das angekommen?

Franziskus: Das ist angekommen.

ZEIT: Auch bei Kardinal Burke?

Franziskus: Ich empfinde Kardinal Burke nicht als Widersacher.

ZEIT: Es gibt da eine Geschichte, die ziemlich kompliziert zu erzählen ist, sich aber auf einen Kern reduzieren lässt: Im Malteserorden gibt es den deutschen Großkanzler, Albrecht von Boeselager. Ihm wird vorgeworfen, nicht verhindert zu haben, dass bei einem Hilfsprojekt in Myanmar Kondome zur Aids-Prävention verteilt wurden. Daraufhin wurde er von einem Protegé des Kardinals Burke entlassen. Sie haben Boeselagers Entlassung rückgängig gemacht und stattdessen Burkes Protegé um seinen Rücktritt gebeten.

Franziskus: Das Problem beim Malteserorden war eher, dass Kardinal Burke mit der Sache nicht umgehen konnte, weil er nicht mehr allein agierte. Ich habe ihm den Titel des Patronus nicht aberkannt. Er ist noch immer Patronus des Malteserordens, doch geht es darum, beim Orden ein wenig aufzuräumen, und deshalb habe ich einen Delegaten dorthin geschickt, der über ein anderes Charisma verfügt als Burke.

ZEIT: Ist Charisma ein Geschenk oder etwas, was man sich im Laufe der Zeit aneignet? Ist Ihr Charisma ein Geschenk Gottes, oder haben Sie es den schweren und den schönen Phasen Ihres Lebens zu verdanken?

Franziskus: Schon möglich, dass es auch mit dem Leben zusammenhängt, es lässt einen wachsen. Die Frage ist: Ist es einem selbst zu verdanken, wenn man 40, 50 Jahre alt wird, oder ist es ein Geschenk Gottes? Es ist beides. Und wie gesagt: Ich habe nie meinen Frieden verloren, und ich bitte um den Sinn für Humor, der ist ein Gottesgeschenk – denn das Leben ist schön!

ZEIT: Das Leben ist schön!: Haben Sie den Film von Roberto Benigni gesehen?

Franziskus: Ja, nur dass es in den Lagern so ordentlich und sauber war, hat mir daran nicht gefallen. In den wirklichen Lagern ging es ganz anders zu. Aber es ist ja nur ein Film. Die Botschaft hat jedenfalls gestimmt.

ZEIT: Die katholische Kirche Deutschlands, die evangelische Kirche Deutschlands und der scheidende Bundespräsident haben Sie eingeladen, unser Land im Lutherjahr 2017 zu besuchen. Werden Sie kommen?

Franziskus: Auch die Kanzlerin hat mich eingeladen. Aber das wird schwierig dieses Jahr, es sind so viele Reisen geplant. Um dem Problem vorzugreifen, bin ich vergangenes Jahr zu den Lutheranern ins schwedische Lund gefahren, um den Beginn des Reformationsgedenkjahres zu begehen und das 50-jährige Bestehen des katholisch-protestantischen Dialogs zu feiern. Der Terminkalender ist dieses Jahr sehr voll.

ZEIT: Vielleicht gibt es auch Länder, die Ihnen im Moment wichtiger sind, wie Russland, China oder Indien?

Franziskus: Nach Russland kann ich nicht fahren, denn dann müsste ich auch in die Ukraine. Noch wichtiger wäre eine Reise in den Südsudan, aber ich glaube nicht, dass das möglich ist. Auch eine Reise in den Kongo war geplant, aber das wird mit Kabila (Joseph Kabila ist dort Präsident, Anm. d. Red.) wohl auch nicht gehen. Dann stehen noch Indien, Bangladesch und Kolumbien auf dem Programm, einen Tag geht es nach Fátima in Portugal, und soweit ich weiß, steht noch eine Studienreise nach Ägypten an. Klingt nach einem vollen Kalender, nicht wahr?

ZEIT: Ja. Sie werden also auch 2018 wohl eher nicht nach Deutschland kommen können.

Franziskus: Ich weiß es noch nicht, noch ist nichts dergleichen geplant.

ZEIT: Das werden viele in Deutschland mit Bedauern hören. Sie hätten den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, sehen sollen, nachdem Sie sich getroffen haben: Er schien ganz beseelt zu sein!

Franziskus: Er ist ein guter Mann. Er hat (wechselt ins Deutsche) Feuer im Herzen.

ZEIT: Damit haben Sie ihm ein großes Kompliment gemacht: Als besonders feurig ist er bei uns noch nicht aufgefallen.

Franziskus: Bei unserem persönlichen Gespräch hat er deutsch gesprochen, und ich habe gesagt: (wechselt ins Deutsche) "Langsam, bitte langsam!"

ZEIT: Aber Sie verstehen Deutsch gut?

Franziskus: Wenn Sie langsam sprechen, schon, aber (wechselt ins Deutsche) ohne Übung habe ich es verlernt.

ZEIT: Ich habe Ihnen etwas auf Deutsch mitgebracht – die Übersetzung eines Gebetes des heiligen Franz von Assisi, Ihres Namensgebers: Friede. Darf ich es Ihnen zeigen?

Der Papst nimmt es in die Hände und liest. Bei einer Zeile hält er inne und zeigt mit dem Finger darauf: "Herr, lass mich trachten, (...) nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe."

Franziskus: Das berührt mich. Das ist mir wichtig. Darf ich das mitnehmen?

Der Papst steckt das Gebet ein.

ZEIT: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch!

Franziskus: Ich danke Ihnen, und bitte verzeihen Sie, wenn ich Ihre Erwartungen nicht erfüllen konnte.

ZEIT: Das denke ich ganz und gar nicht.

Franziskus: Beten Sie für mich!

Mitarbeit: Marie Amrhein, Caroline Von Bar, Karoline Kuhla Und Verena Von Koskull (Übersetzung)