Wohl zwei Dutzend Kaiser hat Diokletian kommen und gehen sehen, bevor er im Jahr 284 selbst an die Macht gelangte. Seit Jahrzehnten steckte das Römische Reich in einer tiefen Krise. Seine Außengrenzen wankten, im Inneren war es von Machtkämpfen zerfressen. Kaum einem der kurz regierenden Kaiser war es gelungen, Frieden zu stiften. Und das lag nicht nur an Germanen und Sassaniden. Gefahr, das wusste Diokletian, drohte auch im Innern. Stärke gewann man daher nicht mit Waffen allein, sondern vor allem mit Wein, Artischocken und Trockenkäse. Solange die Soldaten davon genug kaufen konnten, solange ihr Geld etwas wert war, so lange würden sie nicht revoltieren, wie schon oft geschehen: Der größte Feind des Kaisers war die Inflation.

Um es vorwegzunehmen: Insgesamt war Diokletian ein sehr erfolgreicher Herrscher. Es gelang ihm nicht nur, sich gut zwanzig Jahre lang im Amt zu behaupten. Er schaffte es auch, der Reichskrise des 3. Jahrhunderts ein Ende zu setzen, ja er leitete mit einem ganzen Bündel elementarer Reformen ein neues Zeitalter ein. Getrübt wurde seine Bilanz – freilich nur aus heutiger Sicht – durch die Christenverfolgung, deren Brutalität unter ihm kulminierte.

Weniger bekannt ist eine andere Tat des Kaisers – eine Tat, die mit Wein, Artischocken und Trockenkäse zu tun hatte: Im Jahr 301 erließ er ein Preisedikt, mit dem er Höchstpreise für rund 1.400 Güter und Dienste festlegte. Bei Überschreitung drohte die Todesstrafe. So wollte er der Inflation den Garaus machen.

Aus heutiger Sicht klingt das abwegig. Die Frage, die Diokletian umtrieb, ist gleichwohl hochaktuell: Wie lassen sich Märkte regulieren, damit sie den sozialen Frieden nicht gefährden? Wir diskutieren heute Obergrenzen für Managergehälter und Mietpreisbremsen. Der groß angelegte Versuch des römischen Kaisers zeigt, dass das Ringen mit den Mächten des Marktes keineswegs erst ein Phänomen der Moderne ist.

Besonders teuer war die Gebärmutter der Sau: Sie galt wohl als Delikatesse

Verblüffend nur, dass Diokletians Höchstpreisedikt so selten erwähnt wird. Lange Zeit war es fast gänzlich unbekannt, denn allein bei dem Chronisten Lactantius, einem Gelehrten, den Diokletian wegen seiner Schreib- und Redekunst aus der Provinz Africa an den Hof geholt hatte, findet sich überhaupt ein Hinweis auf die Reform. "Er versuchte, ein Gesetz über die Güterpreise zu erlassen", schreibt dieser. Und erwähnt auch gleich das grandiose Scheitern: "Als darauf viel Blut vergossen war, tauchte die Ware aus Furcht auf dem Markt nicht mehr auf, und die Preissteigerung endete erst recht nicht, bis das Gesetz, nachdem viele zu Tode gekommen waren, durch den Zwang der Verhältnisse selbst aufgehoben wurde."

Weil Lactantius Christ war und diese Sätze aus einer zornigen Schrift über die Christenverfolger stammen, haben viele spätere Historiker sie kaum zur Kenntnis genommen. Manch einer mag gedacht haben, Lactantius habe die Sache erfunden, um dem verhassten Kaiser noch zusätzlich eins mitzugeben.

Das änderte sich im Jahr 1709. Damals tauchten in einer verwunschenen Ecke des Osmanischen Reichs sonderbare, mit lateinischen Buchstaben und Zahlen verzierte Steinplatten auf. Der britische Konsul in Izmir, William Sherard, entdeckte sie im überwucherten Gemäuer einer Ortschaft, die zu römischer Zeit Stratonicea geheißen hatte. Der Hobby-Altertumsforscher – die Archäologie war damals erst im Begriff, zur Wissenschaft zu werden – notierte: "Diese Inschrift ist auf einem alten Gebäude. Am Fuße der Mauer wächst eine Ulme. Wenn ich wieder hinkomme, will ich sie absägen lassen und das abschreiben, was sie verdeckt."

Es stellte sich heraus, dass es sich bei der Ruine um eine antike Versammlungshalle und bei den Inschriften um eine Art Preisliste handelte. Doch erst weitere hundert Jahre später – in der ehemaligen römischen Provinz Ägypten war inzwischen ein ähnliches Steinfragment gefunden worden – erinnerten sich die Altertumsforscher wieder an Lactantius und das von ihm erwähnte Gesetz des Diokletian. Wie elektrisiert begannen sie nun auch andere antike Steinhalden zu durchsuchen, bis sie an verschiedensten Stellen des verblichenen Imperiums genug Teile gefunden hatten, um das verschollene Edikt zur Gänze zusammenzufügen.

Das wiedergewonnene Dokument kündet nicht nur von der Entschlossenheit des Kaisers, der keinen Aufwand scheute: Die 1400 wichtigsten Güter und Dienstleistungen ließ er auflisten, nebst "gerechten" Preisen in Stein hauen und auf den Handelsplätzen des Imperiums ausstellen! Das Steinpuzzle gibt auch einen faszinierenden Einblick in den römischen Alltag vor 1700 Jahren.

Schon in römischen Haushalten, erfährt man aus dem antiken Warenkatalog, kamen Kohl und Kopfsalat auf den Tisch – nach dem Willen des Kaisers kostete beides pro Kopf weniger als einen Denar. Man wundert sich zunächst, warum ausgerechnet Zitronen mit 24 Denar pro Stück so viel teurer sein durften. Doch was uns heute als typische Frucht Italiens gilt, war damals gerade erst aus dem Fernen Osten eingeführt worden und daher entsprechend kostspielig.

Staunen macht auch der niedrige Preis des Rindfleischs (acht Denar), der weit unter dem des offenbar exquisiteren Schweinefleischs lag (zwölf Denar). Die Gebärmutter der Sau schien für Römer eine ganz besondere Delikatesse zu sein – dafür durfte der Metzger sogar das Doppelte verlangen.