Jener Zuschauer, der im letzten Drittel dieses wüsten, konsequenten, bohrend zeitgenössischen Musiktheaterabends die Nerven verlor, verlor sie definitiv zum falschen Zeitpunkt. Nämlich zu spät (nach all diesen Text-, Bild- und Tonkeulen!) oder zu früh. Wie er sich scheinbar seelenruhig erhob, die Hose hochzog und verächtlich in die Runde blickte ("Diesen Scheiß muss ich mir nicht länger antun!"), hätte er mit ins Stück gehören können. Oder in eine gute alte Zeit, als im Theater gefühlt andauernd mit Türen geschlagen wurde. Da war freilich auch die Differenz noch sichtbar zwischen "Werk" und "Interpretation", da kannte und liebte man ihn noch, seinen Kanon, und schuld waren natürlich immer die frechen Interpreten.

Ins Argumentationsbesteck von Trägern rutschender Hosen gehörte zwangsläufig: Schreiben Sie doch Ihre eigenen Stücke, bevor Sie der Zauberflöte Gewalt antun! Genau das will die neue Leitung des Theaters Halle nun zum Prinzip erheben und zielt damit auf eine noch viel bessere, noch viel ältere Zeit, da die Oper Produktion in der Gegenwart für die Gegenwart bedeutete und weniger historisch als politisch war. Jedes Jahr eine Uraufführung? Das machen andere auch. Welches ungemütliche Bekenntnis die Hallenser Theatermacher Florian Lutz, Michael von zur Mühlen und Veit Güssow damit verbinden, zur Oper wie zu der Zeit, in der wir leben, zeigt jetzt Sacrifice, das neue Musiktheater der 36-jährigen Komponistin Sarah Nemtsov und des 34-jährigen Hallenser Dramatikers Dirk Laucke.

Einerseits spricht diese "Oper" in vier Akten über alles, was gerade Gegenwart ist: Krieg, Terror, Migration, Populismus und so weiter. Flüchtlinge schleichen durchs Bild, den Identitären geht die Lambda-Sonne auf, und in einem Camp "am Rand Europas" debattieren drei Journalisten über die Grenzen ihres Gewerbes. Dem Ganzen liegt eine wahre Geschichte zugrunde, 2014 machten sich zwei Teenager aus dem sachsen-anhaltischen Sangerhausen auf nach Syrien, in den Dschihad. Bei Laucke und Nemtsov heißen sie Jana und Henny, spielen mit Pistolen, reißen süßen Teddys die Köpfe ab, tragen alsbald Burka und hinterlassen kryptische Videobotschaften. Viel Text brauchen sie nicht, ein den Taliban zugeschriebenes Gedicht ("May I be sacrificed for you, my homeland") genügt ihnen, um sich zu radikalisieren. Der Rest sind Vokalisen, elektronisch verfremdet, mal sirenenhaft jubilierend, oft nur gestammelt, gestoßen, zerkaut. Wer die Sprache verliert, dem hilft die Musik hier auch nicht weiter. "Oper" und "Opfer" trennt eben nur ein kleines "f", wie das Libretto zeigt.

Am Ende kehrt Henny (Tehila Goldstein mit Inbrunst, ebenso Marie Friederike Schröder als Jana) nach Hause zurück, nichts scheint sich geändert zu haben. Und doch ist alles anders. Fast wagt man es nach zwei Stunden unter musikalischem Dauerbeschuss nicht (Schlagzeug! E-Gitarre! Keyboard! Brutales Raumrauschen!), solches Pathos überhaupt zu empfinden. Die Welt in diesem quälend langen, partout keinen Schluss findenden Opernfinale steht Kopf. Der Spieß hat sich nicht nur umgedreht, er zeigt in beide Richtungen. So wenig wie das pubertäre Heil im IS und im Dschihad liegen kann, so wenig haben die liberalen Mehrheitsgesellschaften diesem an Sinn entgegenzusetzen. Was Leitartikler und intellektuelle Analysten täglich durch die Essaymühle drehen (die "Frau" im Stück, wohl Hennys Mutter, liest die ZEIT, natürlich eine mit Marx auf dem Titelbild), wird in Halle leibhaftig, sinnlich erfahrbar. Schulter an Schulter. Es mag poetischere Opernabende geben, auch humorvollere, aber wenig arriviertere.

Der Clou der Aufführung ist die Raumbühne, à la Foucault Heterotopia genannt, am Theater Halle bereits mehrfach erprobt. In Sacrifice sitzt das Publikum auf der Bühne und das Orchester auf dem geschlossenen Graben, und was passiert, passiert drumherum, auf den Seitenbühnen und im Saal (Bühne Sebastian Hannak): im Eigenheim aus Alu-Gerüsten und Jalousien, im Journalisten-Camp rechts, im weiten Land hinter dem Orchester, also im Parkett ("THIS MUST BE THE PLACE" blinkt dort neonpink), in den Meereswogen, durch die sich hoch oben im verkleideten Rang ein Parade-Flüchtling kämpft und gurgelnd eine Arie singt. Oft ist man sich nicht sicher, wer hier wen ins Visier nimmt, die Zuschauer das Geschehen oder umgekehrt. Die Bühne ist eine Drehbühne, mal wird der Blick hierhin gelenkt, mal dahin, so träge und flüchtig wie im echten Leben.

Dies alles hätte leicht in eine ästhetische Kolportage politischer Realitäten münden können. Dass es in Halle funktioniert, verdankt sich in erster Linie Sarah Nemtsovs starker, absolut uneitler Musik, deren Kunstcharakter man, selbst wenn sie Björk und Bach zitiert, nach einer Weile kaum mehr wahrnimmt. Klang wird Raum wird Zeit wird Wirklichkeit. Auch Florian Lutz, der hier selbst Regie führt, lässt sich zu keiner Botschaft hinreißen. Außer zu derjenigen vielleicht, dass die Oper, will sie die Welt verändern, bei sich selbst anfangen muss. Und so finden sich die Zuschauer am Ende im Fadenkreuz jenes Zielfernrohrs wieder, das im ersten Akt per Video noch Jagd auf Kämpfer im Nahen Osten machte. Aus dem Schnürboden fahren Scheinwerfer herab, heiß brennt es auf den Köpfen, während Atemgeräusche im vierfachen Pianissimo die Fahrt des Orchesters hinunter in den Graben begleiten. Ob die Musiker für immer in der Versenkung verschwinden oder bloß ihre alten Arbeitsplätze aufsuchen, weil die Oper endlich wieder zur Gegenwart gehört, möge jeder selbst entscheiden.