Scrabble

Auch andere Leute haben extreme Hobbys. Sie holen sich blaue Flecken beim Rollerderby, fällen Bäume im Wald oder trainieren für den Ironman. Ich habe Scrabble. Laut Spielanleitung braucht man dafür zwei bis vier Personen, ich brauche nur einen Tisch und meine Reise-Edition. Neulich im ICE, als mein Freund lieber lesen wollte, hab ich eben gegen mich selbst gespielt. Am Ende stand es unentschieden.

Eigentlich halte ich Spielen für Zeitverschwendung, vor allem wenn Glück dazugehört. Beim Scrabble ist das anders. Man zieht die Buchstaben zwar zufällig, ist seinem Schicksal anschließend aber nicht völlig ausgeliefert wie beim Würfeln, sondern kann den Ausgang massiv durch Können beeinflussen. Und ich kann.

Mein Reisescrabble ist für mich ein Gebrauchsgegenstand von hohem Nutzwert. Bevor ich es zu Hause lasse, kommt eher ein Paar Schuhe weniger ins Gepäck. Es ist schon ein bisschen mitgenommen: In der Stofftasche sammelt sich sizilianischer Sand, die Buchstabensteine riechen nach Sonnencreme und Kneipenrauch.

Durch Scrabble sind nicht nur lange Zugreisen, sondern vor allem Feiertage bei der Verwandtschaft um einiges erträglicher. Zwischen Weihnachten und Silvester gewinne ich sehr oft. Nur meine Mutter spielt besser. "Gnadenloser", sagt mein Freund. Genau so müssen Gegner sein.

Leider ist es sehr schwer, ebenbürtige Mitspieler zu finden. Menschen, die mit der gleichen Ernsthaftigkeit nicht nur gewinnen, sondern auch mit derselben Entschlossenheit mehr als 300 Punkte erreichen wollen wie Marathonläufer die Drei-Stunden-Marke. Keine Amateure, die sich auf jeden frei gewordenen Blanko-Stein stürzen und hauptsächlich "schöne" Wörter legen möchten, die aber keine Punkte bringen. Sondern ehrgeizige Zocker wie meine Oma damals, die auch mal ein Genitiv-S raushaute, um auf dem Dreifacher-Wortwert-Feld zu landen.

Wer an diesem Punkt angekommen ist, den akzeptiere ich als Gegner. Und er muss die Regeln akzeptieren: Erlaubt ist nur, was im Duden steht. Die unangenehmsten Scrabble-Situationen entstehen nämlich dann, wenn jemand ein Wort legt, das es nicht gibt. Wie Tante Mechthild in Loriots Ödipussi, die darauf beharrt, für den Begriff "Schwanzhund" 57 Punkte einzustreichen. Oder der Vater meines Freundes, der mal mit größter Selbstverständlichkeit "Hasenmett" legte, schließlich sei doch bald Ostern.

Ich halte es da wie Paul Winkelmann, alias Ödipussi: "Wenn man sich nicht an die Spielregeln hält, macht es keinen Spaß." Denn genau darum geht es doch beim Scrabble: Die Einschränkung ist der Reiz. Es ist wie Kochen mit den Zutaten, die man eben noch im Kühlschrank hat, und am Ende kommt dann etwas unerwartet Gutes dabei raus. Manchmal machen strikte Regeln erst richtig kreativ, weil sie einen herausfordern. Vor allem Menschen meiner Generation, denen seit dem Abi ständig erzählt wird: Tu, was du willst, egal, wie, wann und wo, alles ist möglich. Zu viel Freiheit kann auch lähmend sein. Wer über sich selbst hinauswachsen will, muss doch erst mal wissen, wo überhaupt die Grenzen sind.

Es gibt wenige Dinge, die ich aus so vielen Gründen so uneingeschränkt gut finde wie dieses Spiel. Vielleicht gründe ich eines Tages ein Scrabble-Fan-Magazin, mit Rubriken wie: "Wörter mit drei E" oder "Das anspruchsvolle Ypsilon". In einer Beziehungskolumne beantwortet Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer darin Fragen wie: "Ist es okay, wenn sie Anglizismen legt?" Und es gibt Starschnitte von Nigel Richards. Der Neuseeländer hat in Frankreich die Scrabble-Meisterschaft gewonnen, obwohl er kein Französisch kann. Er hat nur die Schreibweise sämtlicher Wörter mit zwei bis zehn Buchstaben auswendig gelernt. Über ihn habe ich gelesen, er gelte "in der Wortspielszene als Freak mit fotografischem Gedächtnis". Es gibt eine Wortspielszene! Ich bin definitiv ein Teil von ihr.