Wenn Sie bei der Bundestagswahl am 24. September an die Urne treten und dafür sind, dass veganes Leben geächtet wird und Steuern komplett abgeschafft werden. Wenn Sie wollen, dass das Kopftuch verboten wird, das Kruzifix aber auch. Wenn Sie sich außerdem wünschen, dass die Homo-Ehe verpflichtend wird: Dann geben Sie Ihre Stimme Serdar Somuncu, denn dafür steht er ein.

Wahrscheinlich kennen Sie den Kanzlerkandidaten von Martin Sonneborns Satirepartei "Die Partei", diesen massigen Mann mit Halbglatze und Vollbart, bisher aus dem Fernsehen. Von seinen Auftritten in der ZDF-Satiresendung heute-show oder in Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale oder weil er Ihnen als Gast bei Anne Will oder Frank Plasberg aufgefallen ist, wo er Politiker oft zwingt, sich in den unbequemen Bereich jenseits der Phrasen zu bewegen.

Medienerregung erzeugt Somuncu immer wieder, wenn etwas, das er gemacht hat, nicht im Fernsehen gezeigt werden soll. So war das in der vergangenen Woche mit seiner eigenen Talkshow auf n-tv. Sie heißt So! Muncu. In der aktuellsten Folge diskutierte er mit Wolfgang Kubicki von der FDP und dem Komiker Wigald Boning über Fake-News im Wahlkampf. Zwischendurch liefen Einspieler mit gefakten Nachrichten, die wie die echten des Senders als Breaking News daherkamen. Das, erklärte eine Sprecherin von n-tv, hätte die Zuschauer "eher verwirrt".

Das Merkwürdige an dieser Erklärung ist, dass "Verwirrung" Somuncus Markenzeichen ist. Er lebt von seiner Uneindeutigkeit. Er verwirrt die Leute so sehr, dass ihn AfDler auf seiner eigenen Website abwechselnd loben und hassen, Flüchtlingshelfer abwechselnd feiern und verachten.

Perfektioniert hat er dieses Verwirrspiel in der Rolle des "Hassias", eines Hasspredigers, den er als Kabarettist mehr als fünf Jahre lang durch deutsche Mehrzweckhallen ziehen ließ, immer ausverkauft, manchmal spielte er vor bis zu dreitausend Leuten. Es gibt eine typische Szene aus der Anfangszeit. In einer ausgebeulten Hose, darüber ein graues Sakko, läuft Somuncu auf einer kleinen Bühne auf und ab. "Der Türke", äfft er einen Deutschen nach, "ist der asozialste Ausländer überhaupt! Er kommt hierher und lernt kein Deutsch!" Somuncu fragt ins Publikum, ob sich jemand schon mal mit einem Türken in einer anderen Sprache als Deutsch unterhalten habe. "Wenn ja, welche? Türkisch, Afghanisch? Halb-Polnisch?" Das ist Kabarett. Das ist eindeutig. Dann passiert etwas seltsames. Somuncu fällt in ein glasklares Theaterdeutsch und sagt nun, er könne die Deutschen schon verstehen. "Ich mag die Türken ja selber nicht, ich weiß doch selber nicht, was ich mit denen machen soll."

Meint er das? Und wenn er es meinen würde – dürfte er das? Als Deutschtürke?

"Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung", hieß es im "Hasstament" zu seiner jüngsten Tour, die auch seine letzte als Hassias war. Somuncu machte vulgärste Witze über Chinesen, Araber, Türken, Schwarze, über Juden und Schwule, über Deutsche. Lustig? Geschmackssache. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass jemand, der jede Minderheit beleidigt, am Ende keine diskriminiert. Vorgetragen werden bei Somuncu keine Ressentiments – vorgeführt werden deren Träger.

Ein ebenso dunkles wie zugiges Separee in einem Cafés am Savignyplatz in Berlin, nur einige weiße Kerzen beleuchten Somuncus Gesicht. Es ist Dezember. Der letzte Auftritt des Hassias ist drei Tage her. Er sei froh, sagt Somuncu, dass die Tour und dieser Teil seines Lebens nun vorbei seien. Mit seinem Schal und der Wollmütze sieht er beim Teetrinken aus wie ein Mann am Glühweinstand. Kabarett, sagt er, das sei ohnehin nur eine Durchreise gewesen.

Wo will dieser Mann hin?