Hier war der Nullpunkt der SPD, hier litt die Partei der Leiden noch mehr als anderswo. Nirgendwo sonst war sie so weit unten wie in Sachsen. Kümmerliche 9,8 Prozent holte sie 2004 bei der Landtagswahl. Die Sachsen halten sich die CDU zum Regieren, die Linke zum Dagegensein, die AfD zum Dampfablassen. Und die SPD verkümmert.

Auch in Dresden, der Heimatstadt der sozialdemokratischen Ikone Herbert Wehner. Eine nach ihm benannte Stiftung hat ihren Sitz in der Neustadt – dort dominieren heute die Grünen. Auf der anderen Elbseite marschiert montags Pegida. Mitten durch die sozialdemokratische Wüste.

Doch dann kam Martin.

Rund 10.000 neue Mitglieder hat die SPD in den vergangenen sechs Wochen bundesweit gewonnen – mehr als im gesamten Jahr 2015. Nach Berlin ist sie in keinem anderen Bundesland so gewachsen wie in Sachsen, in Sachsen nirgendwo so stark wie in Dresden und in Dresden besonders in der Neustadt. Die Wachstumsquote der SPD-Mitglieder liegt hier bei acht Prozent. Wenn Herbert Wehner von seiner roten Wolke herabschaut, wird er sich freuen. Darüber, dass Martin Schulz kam. Und darüber, dass die Wüste jetzt lebt.

Die SPD feiert derzeit ein Comeback, das die deutsche Politik so noch nie erlebt hat. Eine totgeglaubte Partei, die angeblich sichere Verliererin der Bundestagswahl im kommenden September, stellt einen 61-jährigen Mann aus der Provinz mit Halbglatze und gebrochener Biografie als Kanzlerkandidaten auf – und plötzlich steht die innenpolitische Welt kopf. Die lange Zeit an der 20-Prozent-Marke festgetackerte SPD schießt in den Umfragen an CDU und CSU vorbei und der Mann mit der Halbglatze an der Frau mit der Raute. Und während eine verblüffte Union in Schockstarre verharrt, rückt für die SPD in Reichweite, was zwölf Jahre lang jenseits aller Hoffnungen lag: das Kanzleramt.

Wer das Phänomen Martin Schulz begreifen will, muss vier Dinge tun: hören, was nur er sagen kann. Verstehen, warum im Wahlkampf 2017 fliegt, was im Wahlkampf 2013 nicht einmal abheben wollte. Erkennen, welcher Nachteil sich als Vorteil entpuppt. Und lesen, was die Zeitungen nie geschrieben haben.

700 Sozialdemokraten im großen Festsaal der Gaststätte Freischütz im nordrhein-westfälischen Schwerte flippen aus, als sich ein Seiteneingang öffnet. Die alten roten SPD-Fahnen flattern im Bierdunst, "Zeit für Martin"-Schilder werden gen Wirtshausdecke gereckt. In den ersten Tischreihen stehen sie auf, dann die Besucher dahinter, eine Welle schwappt durch den Saal, bis alle stehen. Die Blitze Hunderter Handykameras flackern auf. Der Jubel ebbt erst ab, als Martin Schulz gemeinsam mit NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft den Tisch erreicht. Er ist da. Beim politischen Aschermittwoch. Und überhaupt.

Die Sozialdemokraten in NRW waren schon immer die Selbstbewusstesten der Partei. Lass ihn erst mal anfangen – mit dieser Haltung betrachten sie die Mächtigen. Für Schulz stehen auch die älteren Sozialdemokraten auf, die schon in der Partei waren, als Willy Brandt Kanzler wurde.

Dann steht Schulz auf der Bühne. Und er erzählt. Von dem Doppelverdiener-Ehepaar mit Kindern, das in den Großstädten kaum noch die Miete bezahlen kann. Von dem kleinen Bäcker, der gewissenhaft seine Steuern zahlt, während ein "Kaffeekonzern seine Gewinne in irgendeiner Steueroase parkt". Vom 55-jährigen Familienvater, der nachts wach liegt, sein Job auf der Kippe, die Kinder noch nicht aus dem Haus, die Eltern pflegebedürftig. Es sind Geschichten, die ein Kanzlerkandidat Gabriel nie erzählen könnte. Weil sie die Frage nach sich zöge: Warum habt ihr das in Berlin nicht geändert? Doch das ist noch nicht der Kern.

Schulz verwendet gern und oft einen Satz, den sonst kein bekannter deutscher Politiker sagen könnte, ohne sich lächerlich zu machen. Nicht Sigmar Gabriel, nicht Angel Merkel, nicht Cem Özdemir, nicht Sahra Wagenknecht und auch nicht Christian Lindner. Und dieser Satz lautet:

"Ich habe das selbst gar nicht so gewusst, das ist mir in den letzten Wochen klarer geworden."

Schulz, der Kandidat, der aus dem Nichts kam. In den Augen der Wähler hat er nichts zu tun mit Berlin, nichts mit der großen Koalition, nichts mit dem, woran die SPD und ihre Anhänger seit Jahren leiden. Schulz, der Aussteiger aus dem Brüsseler Raumschiff, ist der einzige deutsche Spitzenpolitiker, der Deutschland so beschreiben darf, als lernte er es gerade erst kennen. Als sehe er seine Probleme und die Nöte seiner Menschen zum ersten Mal. Ein Kanzlerkandidat, der Eindrücke sammelt und daraus eine Politik destilliert, die das Land gerechter machen soll. Und besser.