Seit dem 9. Dezember sitzt Südkoreas Präsidentin von allen Pflichten entbunden im Blauen Haus, dem Sitz des Staatsoberhauptes in Seoul, und hat viel Zeit, nachzudenken. Zum Beispiel über die Fälle von Korruption und Amtsmissbrauch, die ihr vorgeworfen werden – und das sind sehr viele. Am 9. Dezember nämlich beschloss die Nationalversammlung, Park Geun-hye, 65, ihres Amtes zu entheben. Arbeit gibt es seither kaum für die suspendierte Präsidentin, sieht man einmal von den Beratungen mit ihren Anwälten ab. Denn Park hat sich keineswegs in ihr Schicksal gefügt. Sie kämpft um das Amt, in das sie eigentlich noch bis Ende dieses Jahres gewählt ist.

Park kann sich nur retten, wenn das Oberste Gericht den Parlamentsbeschluss aufhebt. Damit aber rechnet in Seoul niemand. Noch in dieser Woche soll das Gericht entscheiden. Bestätigt es den Parlamentsbeschluss, muss innerhalb von 60 Tagen ein neues Staatsoberhaupt gewählt werden. Alle stellen sich darauf ein, der Wahlkampf hat längst begonnen.

Es war ein atemberaubendes Drama, das sich über Monate hinweg vor den Augen der fassungslosen Südkoreaner entfaltete. In den Hauptrollen: Park Geun-hye, die Tochter des einstigen Diktators Park Chung-hee, unter dem das Land in den sechziger Jahren seinen schwindelerregenden wirtschaftlichen Aufschwung begann. Und ihre beste Freundin, die inzwischen inhaftierte Choi Soon-sil, 60, die einer dubiosen schamanistisch-evangelikalen Sekte angehören soll. Park war ihrer Freundin Choi offenbar emotional ausgeliefert. Sie war noch jung, als erst die Mutter und dann der Vater ermordet wurden, hat nie geheiratet, von ihren Geschwistern soll sie sich entfremdet haben. Die Chois dienten Park offensichtlich als eine Art Familienersatz. Schon Chois Vater, ein Sektenführer, fingierte als Parks Mentor, später freundete sie sich mit seiner Tochter an. Und Choi übte offensichtlich größte Macht über ihre Freundin aus. Park ließ sich von ihr in wichtigen Angelegenheiten der Regierung beraten, gewährte Choi als Privatperson Einblick in vertrauliche Dokumente.

Vor allem aber, und das dokumentiert ein 101 Seiten langer Bericht, den der Sonderermittler in dieser Affäre am Montag vorlegte, ließ sich Choi für ihre Freundschaftsdienste fürstlich entlohnen. Demnach zahlten Firmen, um sich der Gunst der Regierung zu versichern, hohe Spenden an Stiftungen, die von Choi Soon-sil betrieben wurden, aber auch an sie persönlich. Konzerne wie Samsung sollen Zuwendungen in Höhe von zweistelligen Dollar-Millionensummen an Choi veranlasst haben. Samsungs designierter Firmenerbe Lee Jae-yong, 48 Jahre alt und derzeit Vizevorstandschef von Samsung Electronics, sitzt seit dem 17. Februar in Untersuchungshaft. Allein über ihn sollen 37 Millionen Dollar an die Park-Freundin geflossen sein. Unter anderem soll sie dafür Reitunterricht für ihre Tochter in Deutschland finanziert haben.

Das war den Südkoreanern zu viel. Korruption gehörte stets zum politischen Geschäft, kein Präsident war ganz frei davon. Jetzt aber wollen die Südkoreaner Selbstbereicherung und Vetternwirtschaft nicht mehr hinnehmen. Zu Hunderttausenden versammelten sie sich auf dem Gwanghwamun-Platz im Herzen Seouls. Von Woche zu Woche schwoll die Zahl der Demonstranten an, bis im Dezember fast zwei Millionen Menschen auf die Straße gingen. Die Proteste blieben friedlich, kein Vergleich zu den Straßenschlachten in den achtziger Jahren, als Studenten, Gewerkschafter und Polizisten mit Eisenstangen und Gummiknüppeln aufeinander losgegangen waren.

Es ist erst 30 Jahre her, dass sich Südkoreas Militär in die Kasernen zurückzogen und das politische Geschäft den gewählten Volksvertretern überlassen hat. Umso erstaunlicher ist die Gelassenheit, die einem heute in Seoul begegnet. Die Regierung arbeitet auch ohne Präsidentin reibungslos weiter, die Verwaltung tut ihren Dienst, die Polizisten regeln freundlich den Verkehr, Normalität im politischen Ausnahmezustand. Der ist nicht nur durch eine Präsidentin gekennzeichnet, die quasi unter Hausarrest steht, sondern auch durch einen rasch eskalierenden Streit um das nordkoreanische Atomwaffenprogramm. In Washington denkt man bereits über einen militärischen Präventivschlag nach, fürchtet man doch, dass Nordkorea bald Interkontinentalraketen testen könnte, die irgendwann die USA erreichen könnten. Und schließlich war da der Giftmord am Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un auf dem Flughafen von Kuala Lumpur.

Vor diesem Hintergrund entfaltet sich der Wahlkampf, der schon begonnen hat – obwohl das Urteil des Obersten Gerichts noch gar nicht gefallen ist. Vielen gilt der Linke Moon Jae-in, 64, ein ehemaliger Menschenrechtsanwalt, bereits als Wahlsieger.

Sollte Moon tatsächlich gewählt werden, wird das weitreichende Konsequenzen haben. Denn im Gegensatz zu Park, die im Verhältnis zu Nordkorea auf Härte setzte, will Moon die "Sonnenscheinpolitik" wiederbeleben. Mit der hatte Präsident Kim Dae-jung um die Jahrtausendwende nach dem Vorbild der deutschen Ostpolitik einen Ausgleich mit dem Regime in Pjöngjang gesucht. Das ist umso heikler, als es schon jetzt heftigen Streit um das Raketenabwehrsystem Thaad (Terminal High Altitude Area Defense) gibt, das die Amerikaner mit Zustimmung der Regierung südöstlich von Seoul errichten wollen. Sehr zum Ärger der chinesischen Regierung, die aus Rache südkoreanische Shows aus ihren Fernsehprogrammen verbannt hat. Sollte Moon Thaad wieder infrage stellen, es würde die chinesische Regierung freuen.

Auch Pjöngjang hofft auf einen Sieg Moons. Drei Monate lang hatte sich der Norden mit Atom- und Raketentests zurückgehalten. Am 12. Februar aber – in Florida saßen US-Präsident Donald Trump und Japans Premier Shinzo Abe beim gemeinsamen Abendessen – schoss Nordkorea wieder eine Mittelstreckenrakete Richtung Japan, die nach 500 Kilometern ins Meer fiel. Weitere Tests folgten. Kim Jong-un bleibt unberechenbar.

Vielleicht wird sich bald Moon mit ihm herumschlagen müssen. Jetzt aber sitzt noch Park Geun-hye im Blauen Haus – und wartet auf das Urteil des Obersten Gerichts.