Als Nachwuchskraft hat man es in der lokalen Komikbranche nicht leicht. Heinz Strunk, Jacques Palminger, Olli Dittrich – die Hamburger Humorschaffenden haben hohe Maßstäbe gesetzt. Ihre Kunst ist ironiesatt, grotesk und voller Sprachwitz. Dass dem Publikum dabei öfter das Lachen im Halse stecken bleibt, ist kein Betriebsunfall, sondern ein kalkulierter Effekt. Man ist ja nicht zum Spaß in diesen Gefilden unterwegs.

Sven Amtsberg, "Literaturentertainer" und Schreib-Lehrer, lässt sich davon nicht einschüchtern. Nach Erzählbänden wie Mädchenbuch oder Die Wahrheit über Deutschland wirft er nun den Roman Superbuhei in den Ring. Das Buch ist – zwinker, zwinker – Klaus Meine gewidmet, und die Kapitel sind mit Scorpions-Songtiteln überschrieben. Der Held und Ich-Erzähler Jesse verehrt den Sänger der Hardrock-Band aus Hannover so sehr, dass er nicht nur seine trostlose Alki-Bar nach ihm benennt, sondern dort auch jeden Morgen Wind of Change " spielt.

Die Scorpions also. Sie liefern die Hintergrundmelodie für das geballte Verlierertum, dem sich das Buch mit Hingabe und ohne Angst vor Plakativität widmet. Keine Handlungsschlaufe ist Amtsberg zu krude, kein Sprachbild zu grell, wenn es nur der Pointe dient. Beim Lesen wirkt das zunächst ermüdend. Man wird das Gefühl nicht los, dass Amtsberg einer schlichten Überbietungslogik aufgesessen ist, da mit dem Goldenen Handschuh von Heinz Strunk der ultimative Kneipen-Schauerroman bereits geschrieben wurde.

Statt in der Großstadt Hamburg ist sein Held in dem provinziellen Ort Langenhagen gestrandet. Das ist das Kaff, in dem Klaus Meine die Hauptschule besuchte. Und sein Trinkeretablissement befindet sich nicht auf St. Pauli, sondern in einem heruntergekommenen Einkaufszentrum namens Superbuhei.

Dort arbeitet Mona, die Freundin des Helden, als Kassiererin. Sie ist eine "Sitzschönheit", die sich zu Hause so lange unter die Sonnenbank packt, bis sich ihre Mimik nicht mehr deuten lässt. Um seine Ruhe zu haben, betäubt Jesse sie jeden Abend heimlich mit Schlafmitteln. Danach legt er sich mit einem Gewehr auf die Lauer. Worauf er wartet, bleibt sehr lange unklar. Stattdessen erfährt der Leser in Rückblenden einiges über die – selbstverständlich grauenvolle – Jugend des Ich-Erzählers und gescheiterten Germanistik-Studenten in Hamburg-Rahlstedt. Der Vater war ein talentfreier Elvis-Imitator, die Mutter eine Möchtegernschauspielerin. Gemeinsam führten sie einen reich verzierten Imbisswagen namens Graceland – zumindest bis die Mutter die Familie verließ und der Vater Selbstmord beging.

Und dann ist da noch der Zwillingsbruder Aaron, ein eigenschaftsloser Geselle, der anscheinend verantwortlich für die Flucht des Helden in die Provinz war. Dort unternimmt Jesse dann einiges, um dem "Ermüdungsbecken der Bedeutungslosigkeit" zu entkommen. Er belegt einen VHS-Kurs für Jazz Dance und ein Schreibseminar, in der Hoffnung, vielleicht doch noch ein verborgenes Talent in sich zu entdecken. Gelingen wird Jesse das nicht, stattdessen verstrickt er sich immer tiefe in seine eigene Wahnwelt.

Zum großen Knall kommt es, als der unselige Zwilling Aaron wieder in Erscheinung tritt. Was genau passiert, soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Die Wendung ist derart raffiniert, dass man den Roman nach dem letzten Satz verblüfft sinken lässt. Im Buch formuliert es Jesses Schreiblehrer frei nach Tschechow so: "Wenn im ersten Akt eine Pistole auftaucht, muss sie im letzten Akt abgefeuert werden." Amtsberg beherzigt diesen Rat, und dem Leser wird klar: Das ganze Pointen-Buhei diente von Anfang an dazu, falsche Fährten zu legen. Wenn das nicht super ist.

Sven Amtsberg: "Super Buhei"
Frankfurter Verlagsanstalt; 360 Seiten, 24 Euro