DIE ZEIT: Herr Hitzlsperger, können Sie sich eine noch größere Inszenierung vorstellen, eine noch größere Show, als sie ein Spiel der Bundesliga bietet?

Thomas Hitzlsperger: In dieser Regelmäßigkeit gibt es wohl keine größere Inszenierung. Ich bin damit aufgewachsen, dass es im Stadion unzählige Kameras gibt, mit denen man jeden Winkel erfassen kann, jede Bewegung eines Spielers. Ich habe mich daran gewöhnen können. Es gibt Spieler und Trainer, die diese Show für sich zu nutzen wissen, andere leiden darunter.

ZEIT: Es gibt Spieler, die sind zum Entertainer geboren?

Hitzlsperger: Genau. Es gibt Spieler, die gewieft genug sind, diese Chance auf noch mehr Popularität zu nutzen. Die Berater können den Spielern erklären, wie sich der Marktwert steigern lässt.

ZEIT: Wer es nicht mag – kann er diesem Popularitätsdruck ausweichen?

Hitzlsperger: Nur bedingt. Wer heute Profifußballer ist, der weiß, dass man ihn nicht in Ruhe lassen wird. Er muss damit rechnen, immer unter Beobachtung zu stehen, das gehört zum Geschäft. Die hohen Gehälter werden hauptsächlich durch die Einnahmen der Fernsehsender gedeckt. Im Gegenzug wird man berühmt, ob man will oder nicht.

ZEIT: Haben Sie ein Beispiel?

Hitzlsperger: Der letzte große Aufreger war wohl das Wortgefecht zwischen Julian Nagelsmann, dem Hoffenheimer Trainer, und Roger Schmidt, damals Trainer von Leverkusen. Was die sich an der Seitenlinie an den Kopf warfen, fingen die Fernsehmikrofone auf. Alle hörten mit. Deshalb wurde das Ganze zu einem Eklat aufgebauscht. Darüber wurde tagelang gesprochen und geschrieben.

ZEIT: Spieler wie Arturo Vidal in München steigern ihre Popularität mit einer signifikanten Frisur ...

Hitzlsperger: Das gehört heute alles dazu. Der Erste, der erkannte, dass ein Fußballspieler ein Gesamtkunstwerk sein kann, war David Beckham. Sein Marktwert resultierte am Ende seiner Karriere größtenteils aus seiner Persönlichkeit. Beckham war ein guter Spieler. Zu einem wirklich großen Vermögen ist er aber gekommen, weil er sein Aussehen und seine Popularität zu vermarkten wusste. Das haben viele Spieler später zum Anlass genommen, sich ebenso individuell zu positionieren. Sie möchten eine Marke werden, so wie es David Beckham vorgemacht hat.

ZEIT: Sie haben auch gegen ihn gespielt – empfanden Sie dies als etwas Besonderes?

Hitzlsperger: Ja, weil er eben kein gewöhnlicher Fußballer war. Beckham markierte die neue Zeit, in der sich der Fußball radikal veränderte. Früher sind die begnadeten Fußballspieler auf der Insel mehr durch Alkoholexzesse aufgefallen, Beckham beschäftigte sich in seiner Freizeit mit weniger schädlichen Dingen. Er hat eine neue Celebrity-Kultur auf dem Fußballplatz begründet, dafür müssten ihm viele Spieler heute dankbar sein.

ZEIT: Findet man sich selber bieder, wenn man gegen einen Paradiesvogel wie Beckham spielt?

Hitzlsperger: Im DFB-Trikot sah ich besser aus als er (lacht). Nach dem Spiel sah es wieder anders aus.

ZEIT: Wir haben von Lichtgestalten gesprochen, andere schaffen es nicht, Kevin Großkreutz etwa.

Hitzlsperger: Er hat aber weitaus mehr Fans als viele Erstliga-Profis. Vor allem spricht er jenen Fans aus der Seele, die mit der Entwicklung des modernen Fußballs nichts anfangen können.

ZEIT: Großkreutz wurde gerade Ihrem Verein, dem VfB Stuttgart, entlassen, weil er nachts mit jüngeren Spielern um die Häuser gezogen ist. Er tauge nicht zum Vorbild, hieß es. Taugt jemand wie Großkreutz einfach nicht für die große Fußballshow?

Hitzlsperger: So berühmt zu sein hat ihm zuletzt geschadet, keine Frage. Aber Kevin hat in seiner Karriere viel erreicht. Nun liegt es an ihm und seinem engsten Umfeld, aus dieser schwierigen Situation wieder herauszukommen. Und das wünsche ich ihm von ganzem Herzen.