Endlich fertig! Mit einem neuen Spektakelbau will die Uni Lüneburg die Forschung beflügeln.

Im Zeitschriftenraum wurde geraucht, das verblüfft mich bis heute. Auch im Keller rauchte man natürlich, dort lag der Seminarraum, schlecht beleuchtet und muffig. Die Bibliothek wiederum war so vollgestopft, dass es immer hieß, der Holzboden werde zusammenbrechen, bald schon, ganz gewiss. Es war eben ein alter Gründerzeitbau, und für die Kunstgeschichte in Hamburg, dieses damals so bedeutende Institut, viel zu klein. Oder gerade klein genug?

Wenn ich dort saß, an einem der Arbeitstischchen, hineingezwängt ins labyrinthische Gedränge der Regale, dann kam es mir genau richtig vor: Hier hatte Wissenschaft ihren Ort, staubig-verwunschen, eingewohnt, zugewachsen. Und dass ich selbst hineinwachsen würde in die Geschichte der Kunst, schien mir ganz selbstverständlich (wenn ich nicht vorher samt Büchern durch den Holzboden bräche). Später zog das Institut in einen Neubau, aller Charme war wie ausgelöscht.

Am Rande von Lüneburg hat es Glamour nicht leicht

In den letzten Jahren wurde überall geplant und geklotzt, die Wissenschaft brauchte neue Labore, Seminare, Hörsäle, Bibliotheken – und bei der Einweihung wurde stets weihevoll prophezeit, hier, in diesen neuen Räumen, werde auch der Geist sich erneuern. Jetzt heißt es das wieder, denn am Freitag bekommt die Universität in Lüneburg ein Haus, das weit herausragt aus der deutschen Hochschullandschaft. Alle sollen, alle werden davon reden, und das schon deshalb, weil hier noch einmal die schöne große Frage nach Bau und Überbau ins Spiel kommt: Was vermag Architektur? Befreit sie das Denken, beflügelt sie die Forscher, öffnet sie der Wissenschaft einen neuen Horizont?

Ja, es geht pathetisch zu im sonst so bescheidenen Lüneburg. Rund 9.000 Studierende, ein beschaulicher Campus, und doch beweist die Leuphana Universität mit ihrem neuen Hauptgebäude unerhörten Wagemut. Wo andere Hochschulen allein der Vorschrift gehorchen und ihre Architektur auch entsprechend aussieht, paragrafentrist und finanzrahmentrüb, da baut Lüneburg auf Sinnlichkeit und Lust. Man könnte auch sagen: auf die Freude am Unabsehbaren.

Natürlich, lange ließen Neid, Häme und Kritik nicht auf sich warten. Denn erstens wurde alles doppelt so teuer (mehr als 100 Millionen Euro), zweitens dauerte es länger (vier Jahre Verzögerung), drittens war viel von Korruption die Rede (ein Fall für das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung). Vor allem aber schien sich Lüneburg schwer verhoben zu haben: Mit einem Satz in die Weltbauliga der Universitäten, das konnte nur schiefgehen.

Und schief ist es ja wirklich geworden, das Hauptgebäude mit seinem Audimax, den Seminarräumen und Forscherbüros: in sich verkeilt, zuckend schroff und derart bizarr, dass man erst mal nicht so genau weiß, ob es sich um einen architektonischen Auffahrunfall handelt oder um eine Kulisse für die nächste Folge der dystopischen Netflix-Serie Black Mirror, Titel: "In der Werkstatt des Bösen".

Geplant hat das silbrige Durcheinander der amerikanische Großbaumeister Daniel Libeskind, eine der schillerndsten Figuren seiner Zunft, der mit dem Jüdischen Museum in Berlin berühmt wurde, später plante er für den Ground Zero in New York und wird seither von vielen Kollegen schwer gehasst. Sie stören sich an der ADHS-Ästhetik, diesem wilden Gezappel, und finden, Libeskind könne nur Libeskind und stelle lauter Wahrzeichen seiner selbst in die Gegend.

Tatsächlich, wer eines seiner aufreizenden Bauwerke kennt, wird seine Handschrift auch in Lüneburg wiedererkennen. Das ist selbstverständlich Absicht: Die Unverkennbarkeit des Architekten soll die Hochschule unverkennbar machen, und wenn nebenher ein wenig New Yorker Glamour dabei abfällt, umso besser. So funktioniert Starchitecture.

Hier allerdings, unweit von Supermarkt, Autohaus und Vorstadtsiedlung, hat es der Glamour nicht gerade leicht. Die Universität liegt fern vom Zentrum, am Rand der Lüneburger Heide, wo in der NS-Zeit jene Kasernen entstanden, in denen später die Institute unterkamen. Gerade das aber wurde für Libeskind zum Anreiz, er wollte ein doppeltes Zeichen setzen: ein fotogenes wider die Provinzialität und ein bedeutungsschweres, das an die Kriegsverbrechen gemahnen und dem kasernierten Dasein der Wissenschaftler etwas entgegensetzen soll. Mit dieser Art von Geschichts- und Schuldbeschwörung hat Libeskind schon viele seiner Bauten aufgeladen. Hier jedoch, auf dem belebten Campus der Leuphana, wo sich alles Dräuende und Soldateske längst verloren hat, wirkt Libeskinds Rhetorik reichlich hohl.