Hera und Zeus haben sich nie versöhnt, vor allem nicht über den zentralen Streitpunkt ihrer Ehe: dass der Göttervater notorisch fremdging, mit berühmten Göttinnen ebenso wie mit schönen Sterblichen. Und weil er dabei alles andere als diskret war, demütigte er seine Gattin immer aufs Neue. Legendär ist Heras Eifersucht, mit der sie ihre Nebenbuhlerinnen (Leda, Alkmene, Leto, Dione, Demeter, Semele ...) und deren Kinder (Helena, Herakles, Apollon, Aphrodite, Persephone, Dionysos ...) verfolgte. Legendär ist auch die Gleichgültigkeit des Zeus. Man könnte sagen: Seine mangelnde Reue und ihr ohnmächtiger Zorn entfachten ein ewiges Liebesdrama im Olymp, das wiederum irdische Konflikte auslöste, nicht zuletzt den Trojanischen Krieg.

Was wäre gewesen, wenn Zeus plötzlich ein schlechtes Gewissen bekommen hätte? Was, wenn Hera auf seine Eskapaden nicht mit Hass reagiert, sondern sich zum Beispiel mit Poseidon getröstet hätte? Im griechischen Mythos ist Versöhnlichkeit nicht vorgesehen und der Krieg Schicksal, unaufhaltsam wie ein Gewitter. Die Göttergeschichten erzählen, dass Schuld sich fortsetzt bis ans Ende der Zeit, und darin unterscheiden sie sich grundlegend von der christlichen Erlösungserzählung des Neuen Testaments, die vom Unschuldigwerden handelt: Ein Heiland nimmt die Schuld der Menschen auf sich, entsündigt die Sünder und führt sie zum ewigen Frieden. Noch heute singen die Christen deshalb im Gottesdienst das Agnus Dei: "Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser!"

Dass Unfriede Sünde ist und gebüßt werden muss, lehrte jedoch nicht erst Jesus Christus, das wussten schon die alten Griechen. Ihr Sündenbewusstsein drückte sich in dem Wort metánoia aus: Man kann es mit "Buße" übersetzen, aber noch besser mit "Sinnesänderung". Dementsprechend bedeutet die christliche Aufforderung "Tut Buße!" auch "Ändert euren Sinn!". Dieser kategorische Imperativ ist das Herzstück christlicher Moral, er besagt, dass Frieden nur durch innere Umkehr möglich ist.

Heute scheint das in Vergessenheit geraten zu sein. Vielleicht ist die politische Lage auch deshalb so unversöhnlich, weil die Kontrahenten zu allem bereit sind, nur nicht zu einem Sinneswandel. Denn dazu wäre mehr nötig als zähneknirschendes Eingeständnis von Fehlern oder oberflächliche Versöhnungsgesten, nämlich Einsicht. Woher soll die kommen?

Sie kann nur entstehen im Streit: durch den Austausch von Argumenten, durch das Anhören der anderen Meinung und durch die freundliche Unterstellung, das Gegenüber könnte auch recht haben. In den öffentlichen Debatten der letzten Monate misslingt das meist gründlich, aber nicht nur den Antidemokraten und Diskursverweigerern, sondern auch denen, die sich für die Guten halten. Wer die schrillen Worte mancher Demokratieverteidiger hört, wer die wutverzerrten Gesichter von Demonstranten sieht, die aus gerechter Empörung über den neuen Nationalismus nun ein starkes Europa erzwingen wollen, der muss fast fürchten, dass die Guten gewinnen. Nicht nur die neuen Populisten, auch viele Antipopulisten scheinen an einem versöhnlichen Miteinander nicht interessiert. Sie scheuen jeden Konsens und wissen immer schon vorher, dass ihr Gegenüber unrecht hat.

In der ARD-Talkshow von Anne Will konnte man den Mechanismus neulich wieder beobachten. Es ging um Donald Trump, und die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht war so wütend auf die USA, dass sie den amerikanischen Botschafter partout nicht ausreden ließ. Man wusste noch gar nicht, wie leidenschaftlich er Trumps Politik überhaupt verteidigen würde, doch Wagenknecht behandelte ihn sogleich als Feind, auch andere Teilnehmer der Talkshow leisteten Schützenhilfe. Das Problem war nur: Je mehr Wagenknecht schimpfte, desto weniger überzeugend schienen ihre eigenen Positionen, desto harmloser wirkte ihr abwesender Gegner Trump. Man könnte nun behaupten, das sei nicht so schlimm, denn die Linken-Politikerin gehöre auch bloß zu den Populisten. Doch bisher war sie eigentlich als kühl argumentierende Intellektuelle bekannt.

Der Furor der Rechthaberei kommt längst nicht mehr nur von links außen, nicht mehr nur von rechts außen, sondern vergiftet den Diskurs in der Mitte. Man behandelt politische Gegner mittlerweile so, als machten sie buchstäblich alles falsch, doch das trifft nicht einmal auf den derzeitigen Lieblingsfeind Trump zu. Seine Drohungen gegen Autokonzerne, die Strafzölle zahlen sollen, falls sie weitere Produktionsstandorte aus den USA ins Billiglohnland Mexiko verlagern, wären sicher mit einigem Beifall belohnt worden – hätte ein anderer sie geäußert. Ebenso wurde Trumps Kritik an TTIP von keinem der deutschen TTIP-Gegner goutiert. Warum? Weil man einen Politiker mit einer Krawall-Agenda nicht aufwerten darf, indem man ihm auch mal recht gibt? Das ist ein guter Gedanke, aber eine falsche Strategie.