Ehe Faust beginnt, holen viele Zuschauer ihr Handy aus der Tasche und machen ein Foto vom vollen Theatersaal. Ein ähnliches Verhalten legen ängstliche Reisende an den Tag, wenn sie einen strapaziösen Flug antreten: Sie fotografieren ihre Gefährten, mit denen sie gleich von Frankfurt nach New York fliegen werden. Sie wissen nicht, in welchem Zustand sie drüben ankommen werden. Und ob sie überhaupt ankommen werden.

Während einer Castorf-Inszenierung erleidet der Körper ähnliche Krisen wie auf einem Langstreckenflug. Die Füße quillen im engen Schuh, man darf nicht im Mittelgang auf und ab gehen. Turbulenzen packen das Flugzeug und lassen es nicht mehr los. Man lässt alle Hoffnung fahren. Die Einreiseformulare werden noch lange nicht verteilt, und bis zum Frühstück und den heißen Gesichtstüchern dauert’s Stunden – denn man ist erst über Grönland. Und nun schlagen auch noch Blitze in den Tragflächen ein.

Wenn ich überschlagsmäßig die Länge aller Castorf-Inszenierungen addiere, die ich gesehen habe, komme ich auf etwa 85 Stunden, dreieinhalb Tage und Nächte. Damit gehöre ich, dessen bin ich mir bewusst, noch zu den Castorf-Anfängern. Aber auch ich habe in Castorfs Flugmaschine viele Landschaften überflogen: giftige Privatsümpfe, oasenlose Wüsten, Städte, die schon als Ruinen erbaut wurden, Industrieareale, deren Raffinerien sich beim Tieferfliegen als malmende Drehbühnen herausstellten. Diese Landschaften bebten vor Hässlichkeit, und überall herrschte das drohende Assoziationsgewitterwetter des Regisseurs.

Man kann in solchen Klimaverhältnissen maximal acht Stunden überleben, dann stirbt man vor Verzweiflung. Aber kurz bevor dieser Punkt erreicht ist, endet wunderbarerweise jede Castorf-Inszenierung. Und man entsteigt schwankend und erstaunlich glücklich dem Höllenflugzeug.

Warum glücklich? Weil man in den Händen von Meisterfliegern war, die tollkühn durch alle verfügbaren Gewitter geflogen sind. Weil man, trotz aller Strapazen, etwas Seltenes erlebt hat: dauerhafte "Öffentlichkeit unter Anwesenden" (Alexander Kluge), beharrlichen Zusammenhang. Wann ist man je, unter der Glocke einer gemeinsamen Sache, mit so vielen fremden Leuten so lange zusammen?

Die Bühne des "Faust" ist wie eine Bohrinsel, die die Welt bedeutet

Castorfs Faust an der Volksbühne, seine Abschiedspremiere nach 25 Jahren, dauert sieben Stunden, und das Ensemble ist eine bellende, schweflige, offenbar furchtlose Gespenstertruppe, die alles tut, um das große Flugzeug, in dem wir sitzen, zum Absturz zu bringen – auf Befehl des kaum von seinem Buch aufblickenden Piloten. Castorf ist ja kein Theaterregisseur im alten Sinne, sondern eher ein Leser, welcher die inneren Bilder, die ihm bei der Lektüre von Texten kommen, mit der Hilfe von Schauspielern nachstellt. Das oberste Kunstwerk des Castorf-Theaters ist Castorf selbst, der Überautor und unsichtbare Superdarsteller.

"Faust nach Goethe" steht im Programm der Volksbühne. Eigentlich ist es eher Faust nach Castorf. Castorf wirft den Text, um den es eigentlich geht, ja stets in die Lauge seiner eigenen, von allerlei anderem Text berauschten Fantasie. Dieses Mal las Castorf neben Goethe auch Émile Zola (Nana, einen Roman aus dem Pariser Kurtisanen- und Schauspielermilieu) und Frantz Fanon (Die Verdammten dieser Erde) sowie Texte von Sartre. Seine Inszenierung befasst sich einerseits mit dem deutschen Helden Faust, der sich dank eines Paktes mit dem Teufel seine Jugend zurückholt und sich im ersten Teil der Tragödie am Weibe und im zweiten Teil, als großer Landgewinner und Kolonisator, an der ganzen Welt vergeht. Sie befasst sich andererseits aber auch mit der französischen Kolonialgeschichte, dem Algerienkrieg, der Schuld Europas.

Im Umkreis der Volksbühne heißt es: Weil Castorf eine Französin liebt und oft in Paris ist, spielt sein Faust in Paris. Wäre er mit einer Isländerin zusammen, dann sähen wir womöglich lauter Geysire auf der Bühne, und wäre seine Freundin Inderin, dann – aber lassen wir das.

Der geniale Aleksandar Denić hat auf die Drehbühne eines seiner berühmten Bohrinselgebäude gebaut. Warum Bohrinsel? Weil dieses Bauwerk hoch aufragt, auf engstem Raum viele Insassen beherbergt, lange Zeit ohne Versorgung von außen auskommt – und weil es in seiner dauernden Drehbewegung unterirdische Ressourcen anzuzapfen scheint.