Auf dieser Plattform erhebt sich ein verwinkeltes, einer magisch-realistischen Graphic Novel wuchernd entstiegenes Konglomerat aus Bar, Geisterbahn, Monstrositätenkabinett, asiatischem Puff, gotischem Schloss und Kerker. Und neben dem Kerker führt, robust gefertigt, eine Treppe in die Bühnentiefe: Es ist der Eingang zur Pariser Metro-Station Stalingrad.

In der Metro durchqueren Faust und Mephisto nebst Lord Byron die Stadt Paris, was uns, wie alles andere Unterirdische, Obskure und Intime dieses Abends, mittels Videoübertragung auf großen Leinwänden gezeigt wird.

So weitet sich die Metro auch zum Styx, der Paris unterirdisch durchfließt, und dazu passt dann auch der scharfe Ton der Spieler: Sie sind wie Prediger, die über einen reißenden Fluss hinwegrufen, an dessen anderem Ufer sie verdammte Seelen vermuten. Dass das deutsche Theater in der Welt als eine Kunst der Brüllenden gilt, hängt schon auch mit Castorf zusammen, aber er kann so viel auch wieder nicht dafür. Castorfs Ästhetik ist heute Allgemeingut. Sie wird an unzähligen Theatern gefälscht – zwar schlecht, aber dafür dreist. Was einst er allein gemacht hat, machen heute alle; sie haben es im Angebot. Im Bemühen, den großen Alten zu kopieren, verzichten viele deutsche Regisseure und Theater darauf, das naturalistisch-psychologische Drama nach dem Schema "Ein Darsteller ist verantwortlich für eine Rolle" wenigstens zu beherrschen, um es dann erst – in Castorfs Sinn – zu transzendieren oder zu zertrümmern. Nein, sie sind gar nicht in der Lage, einen bürgerlichen Theater-Stil zu "dekonstruieren". Dazu müssten sie ihn nämlich "können".

Dass deutsches Theater im Ausland so stark mit schlechtem Castorf gleichgesetzt wird, dafür kann Castorf also wenig. Dennoch: Warum lässt er seine Spieler so viel brüllen? Als die ZEIT ihn das gefragt hat, hat er geantwortet: "Wenn es irgendwo brennt, dann kann man doch nicht 'Feuer' säuseln – da schreit man doch!"

Und im Faust brennt es! Man hört längst nicht alles, was die Spieler sagen, und schon gar nicht versteht man alle Assoziationen, die dem Ganzen zugrunde liegen, aber egal: Man geht in diesen Tagen nicht in die Volksbühne, weil man verstehen will, sondern um sich zu vergewissern, dass der Priester noch da ist. Der Faust ist ja das letzte große Projekt, das der Chef hier verwirklicht. Im Herbst übernimmt Chris Dercon das Haus.

Zur Ankündigung dieser Premiere stand auf der Website der Volksbühne: "Aus dem in der Vergangenheit angehäuften und gesammelten Theaterwissen entsteht so etwas wie ein Volksbühnenfaust am Rosa-Luxemburg-Platz. Ein Mammutprojekt, das nur möglich ist durch seine Spieler und Künstler, von denen viele bis zu 25 Jahre dafür trainiert haben."

Womit in aller Bescheidenheit auch gesagt wird: Dieses Wissen wird nun zerstört, so etwas wird es nie mehr geben. Der Nachfolger, ein Kunstkurator und Museumsmann, der noch kein einziges Jahr an einem Theater trainiert hat, wird etwas Ähnliches nie schaffen.

Die Castorf-Bande verlässt also den Ort, an dem sie so lang gehaust hat, aber es bleiben ein paar Stinkbomben, Tretminen und vergiftete Brunnen zurück – natürlich nur im übertragenen Sinne. Chris Dercon wird auf der Bühne von dem Schauspieler Alexander Scheer liebevoll, mit flämischem Akzent, parodiert: Ein bisschen "browwinssiell" sei dieses Theater hier schon, sagt er, worauf der Faust-Darsteller Martin Wuttke dem Dercon-Darsteller ein frisch gezapftes Bier über den Kopf schüttet – so wie es Dercon in Berlin unlängst tatsächlich geschah.

Man zerschneidet hier, wie man es schon in den vergangenen Wochen auf die eine oder andere Art tat, hämisch-rituell das Tischtuch mit der nachfolgenden Truppe, die, streng genommen, gar nichts dafür kann, dass Castorf nun geht – wenn schon, dann hätte Wuttke symbolisch dem Berliner Regierenden Bürgermeister und seinem ehemaligen Kulturreferenten eine ergiebige Bierdusche gönnen müssen. Aber sei’s drum.

Das Schöne an Castorfs Welt ist ja: Der Konflikt bedingt jeden Einfall, selbst Verrat kann produktiv sein. Wenn man beispielsweise seinen Faust sieht, so stellt man fest, dass einige Leute beteiligt sind, mit denen Castorf sich schon mal zerstritten, von denen er sich sogar "getrennt" hatte – beispielsweise der Dramaturg Carl Hegemann und der fantastische, unerschöpfliche Titeldarsteller Martin Wuttke. Jetzt, am Schluss, sind sie alle wieder da.

Und welche spielerische Brillanz, welch unfassbare Körperbeherrschung haben die Leute auf der Bühne, welchen Überblick im Chaos! Und wie genau ist das Zusammenspiel mit der Technik: Kaum ein Effekt geht daneben, jedes Benzinfass wirft den Schatten, den es werfen muss! Ansonsten gilt für diesen Faust, wie stets in Castorfs Welt: Es ist von Beginn an weit nach Mitternacht, und es ist nicht genug Liebe da für alle.

Der Titelheld: Ein von der Globalisierung gegerbter und verdorbener Mann

Wuttkes Faust ist ein Wunder der Verwandlung. Er wechselt in diesen sieben Stunden immerzu Gestalt und Alter: vom Greisen mit trockner, verzweifelt leckender Lüstlingszunge und Latexhautlappen unterm Kinn wandelt er sich zum virilen Mann in den besten Jahren und wieder zurück. Er heult wie Bernhard Minetti, er brüllt wie Arturo Ui. Er wirkt innerlich gelassen, als spiele er mit verworfenen Lebensmöglichkeiten. Dieser Faust hat enorme Eleganz: kein sehr deutscher Kerl, eher ein von der selbst in Gang gesetzten Globalisierung gegerbter und verdorbener Weltmann. Sein Gegner und Partner Mephisto ist bei Marc Hosemann ein stämmiger, jovialer Tatmensch mit Eisenbieger-Kräften – nicht der große Chef der Hölle, sondern ihr treuer Heizer.