Worum es bei der nächsten Bundestagswahl wirtschaftspolitisch gehen wird, steht auf keinem Stimmzettel. Es ist in keinem Parteiprogramm nachzulesen, und noch redet niemand darüber, jedenfalls nicht öffentlich. Doch in den Parteien haben längst die Planspiele für den Tag nach der Wahl begonnen. Und die haben es in sich. Denn in der nächsten Legislaturperiode kann praktisch die komplette ökonomische Führungselite des Landes ausgewechselt werden: der Vorsitzende des Sachverständigenrates der Wirtschaftsweisen, der die Regierung berät. Der Chef der Staatsbank KfW, die Firmen und Privatleute mit günstigen Krediten versorgt. Der Präsident der Bundesbank, die die Banken überwacht. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), die über die Zinsen entscheidet. Und viele mehr.

Wer im September die Wahl gewinnt, der wird also in beispielloser Weise die wirtschaftspolitischen Grundkoordinaten der Republik, ja sogar Europas mitbestimmen. Es ist beinahe so wie bei der Besetzung des Obersten Gerichtshofs in den Vereinigten Staaten: Wie dort haben auch hier die Personalentscheidungen der Regierung weitreichende Konsequenzen – weit über deren Regierungszeit hinaus. Die Amtszeit des Präsidenten der EZB beispielsweise beträgt acht Jahre. Deshalb steht eine ganze Menge auf dem Spiel.

Sollte die Union die Wahl gewinnen, wäre der Besetzungsmarathon für sie eine vergleichsweise einfache Aufgabe – in vielen Fällen könnte sie die Verträge der Amtsinhaber schlicht verlängern. Für die SPD hingegen wäre die Aufgabe eine echte Herausforderung: Denn aus sozialdemokratischer Sicht ist die Geschichte der Besetzung ökonomischer Spitzenposten eine Geschichte vergebener Chancen, spätestens seit Gerhard Schröder, dem Kanzler der Agenda. Schröder wollte den linken Würzburger Ökonomen Peter Bofinger zum Bundesbankpräsidenten machen. Als das aber auf Widerstand stieß, entschied er sich für Axel Weber. Der ist ein eher liberaler Ökonom und arbeitet inzwischen für die Schweizer Großbank UBS.

So ging es dann weiter: Als die erste große Koalition den Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank neu ernennen konnte, stützte die SPD sogar den damaligen Bundesbankvizepräsidenten Jürgen Stark, der für Theo Waigel und Helmut Kohl gearbeitet hatte. Der einzige Sozialdemokrat, der in den letzten beiden Legislaturperioden auf einen internationalen Posten von Rang berufen wurde, war Jörg Asmussen – und der wurde auch noch vom Christdemokraten Wolfgang Schäuble befördert: ins Direktorium der EZB.

Selbst der sonst so streitbare Sigmar Gabriel ist beim Thema Personal ungewöhnlich vorsichtig. Wann immer er einen linken, gewerkschaftsnahen oder auch nur keynesianisch denkenden Ökonomen hätte installieren können, machte Gabriel in letzter Minute einen Rückzieher. Als im vergangenen Jahr der Vorsitz des Sachverständigenrats zur Verlängerung anstand, wagte Gabriel es nicht, den einflussreichen Posten neu zu besetzen. Er verlängerte einfach den Vertrag des amtierenden konservativen Essener Wirtschaftsprofessors Christoph Schmidt – obwohl Gabriels Berater im Wirtschaftsministerium ihn gedrängt hatten, endlich einmal ein Zeichen zu setzen.

Die Sozis können nicht mit Geld umgehen – dieser Vorwurf lähmt die Partei bis heute

Diese Entscheidung hatte dann die kuriose Folge, dass der Sachverständigenrat mehrheitlich die Einführung des Mindestlohns und andere sozialdemokratische Prestigeprojekte rügte und Gabriel wiederum im Gegenzug seine Generalsekretärin öffentlich erklären ließ, das Gremium der Weisen sei überhaupt nicht weise, sondern vielmehr "wissenschaftlich" nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Die Auseinandersetzung hatte einen gewissen Unterhaltungswert, doch neue Akzente in der Wirtschaftspolitik setzt man so eher nicht.

Die Angst vor der eigenen Courage – sie sitzt bei den Genossen tief, und sie hat ihren Ursprung auch in den Vorwürfen, die sie sich jahrelang anhören mussten: Sozialdemokraten könnten nicht mit Geld umgehen. Um sich diesem Verdacht nicht auszusetzen, entschied sich die SPD in einem Akt politischer Überkorrektheit bei wichtigen Personalfragen für den ökonomischem Mainstream – zumal sich auch die Partei selbst lange nicht mehr ganz sicher war, ob sie diesem Mainstream überhaupt etwas entgegensetzen sollte. Schröder jedenfalls hatte einst gesagt, es gebe weder linke noch rechte, sondern nur gute und schlechte Wirtschaftspolitik.

Damit – so sehen es heute immer mehr Sozialdemokraten – soll jetzt Schluss sein. Beflügelt von Martin Schulz, der die Ungleichheit anprangert und mehr soziale Gerechtigkeit fordert, werden in informellen Runden bereits Strategien für die zu erwartende Besetzungsrunde diskutiert, um auf alles vorbereitet zu sein. Noch befinden sich diese Gespräche in einem frühen Stadium, schließlich soll nicht der Eindruck entstehen, die SPD wolle Posten verteilen, bevor die Wahlen gewonnen sind. Doch das könnte sich bald ändern, wenn die Umfragen weiter so gut ausfallen.