Der Vorname ist offenbar Programm: Aida. Wer nennt sein Töchterchen schon Aida, wie die äthiopische Sklavin in Verdis Oper, die an der Seite ihres Geliebten bei lebendigem Leib eingemauert wird? Höchstens jemand, der sich wünscht, dass dieses Kind von einer unbedingten Leidenschaft durchs Leben getragen werde. Bei Aida Garifullina ist dieser Wunsch in Erfüllung gegangen, ihre Leidenschaft gehört dem Singen, und dass die 29-jährige Tatarin heute Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper ist, könnte die vorläufige Krönung eines sehr strikten Plans sein. Früh von der Mutter, einer Chorleiterin, entdeckt und gefördert, geht sie mit 17 von Kasan in Russland nach Nürnberg, um bei dem Wagner-Tenor Siegfried Jerusalem zu studieren (eine erstaunliche Wahl), wenig später nach Wien. 2013 gewinnt sie Placido Domingos Operalia-Wettbewerb in Verona, das ist ihr Durchbruch.

Rasch gilt Garifullina als die "neue Netrebko", was nahezuliegen scheint. Beide kommen aus Russland, beide haben früh mit Valery Gergiev gearbeitet, beide lieben ein gewisses extravagantes Bling-Bling im Auftreten, und auch ihr Repertoire als lyrische Sopranistinnen gibt sich nicht viel (jedenfalls im Vergleich mit dem der jungen Netrebko). Aber das ist es dann auch schon. Während Anna Netrebko immer ein etwas gutturales Timbre besaß, verfügt Garifullina über jenes rotkehlchenreine Jauchzen in der Stimme, das alles leicht erscheinen lässt. Ob Gounods Juliette oder Rimski-Korsakovs Schneeflöckchen: Der sängerischen Höchstschwierigkeiten können es für sie gar nicht genug sein. Wie junge Hunde tollen ihre Koloraturen durch den Notentext: biegsam, kraftstrotzend, heißhungrig auf Leben. Dabei klingt nichts nur zwitscherig, alles hat Körper und Seele. Am schönsten bei Tschaikowsky, in Marias Wiegenlied aus Mazeppa: zärtlich singt sie das, innig, schlicht, ohne die Musik jemals an den Kitsch zu verraten, den ihr abgebrühte Gemüter gern vorwerfen.

Aida Garifullinas Debüt-CD, die sie mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Cornelius Meister aufgenommen hat, heißt wie sie selbst (was ja auch etwas sagt) und bietet Russisches und Französisches. Vielleicht ist in der einen oder anderen Arie noch etwas wenig Diktion drin und ein bisschen sehr viel Klang – aber wo hat man das schon: ein Zuviel an Musikalität, Temperament und Talent, solch überschießende Freude am eigenen Tun? Jetzt muss Garifullina nur aufpassen, dass sie sich nicht zum Star hochpusten lässt und darüber die Bodenhaftung verliert. Ihre tatarischen Wurzeln könnten ihr dabei helfen.

Aida Garifullina: Aida Garifullina (Decca)