An diesem Samstagnachmittag werden den Schwänen aus Wales die Federn gestutzt. Das ist die verbreitete Erwartungshaltung kurz vor Anpfiff an der Stamford Bridge: Der Tabellenführer der Premier League, Hauptstadtclub Chelsea FC, empfängt den Abstiegskandidaten, den Waliser Verein Swansea City. Die Spieler der Gastmannschaft wärmen sich vor ihrer Fankurve auf, in ihren Mienen spiegelt sich die Anspannung wider. Ein paar Spieler rennen leicht gebückt, sie bilden Grüppchen, als ob auf den Rängen eine Gefahr lauerte. An der Mittellinie passen sich die beiden Chelsea-Innenverteidiger David Luiz und Gary Cahill 40 Meter weite hohe Bälle zu, die zentimetergenau am Fuß des Kollegen ankommen.

Die Chelsea-Fans klatschen zum Takt der Clubhymne. Die Vereinsmaskottchen, zwei Plüschlöwen namens Bridget und Stamford, tanzen. Vorfreude. Der Abstand auf den Tabellenzweiten Manchester City beträgt acht Punkte. Von den vergangenen zwölf Heimspielen hat Chelsea elf gewonnen. Das war vor einem Jahr noch ganz anders. Nach 25 Spieltagen dümpelten die Westlondoner auf dem 13. Tabellenplatz herum, der Club war zerstritten. Meistertrainer José Mourinho musste mitten in der Saison gehen, die Leistungsträger verharrten im Formtief.

Mittlerweile strotzt das Team wieder vor Selbstvertrauen. Die meisten Experten sagen: Das liegt an ihm. Drei Minuten vor Spielbeginn betritt er mit Smokingschuhen den Rasen. Die Ränge hinter ihm erheben sich. Er wirft seiner Frau und seiner Tochter Luftküsse zu und winkt den jubelnden Fans. "Das 5:0 gegen Everton unter ihm war das beste Spiel, das ich je von Chelsea gesehen habe – und ich gehe seit 46 Jahren ins Stadion", sagt ein Fan, der vor dem Stadion selbst verfasste Bücher über seinen Herzensclub verkauft.

Der Mann, der die Menge begrüßt, heißt Antonio Conte, 47 Jahre alt. Schmale Krawatte, Strickjacke, Anzughose, alles dunkelblau. Drahtige Figur und eisblaue Augen. Conte ist der neue Startrainer der teuersten Liga der Welt. Während berühmte Kollegen wie Pep Guardiola bei Manchester City (grauenhafte Defensive), Jürgen Klopp bei Liverpool (verheerende Rückrunde), José Mourinho bei Manchester United (zu unstet) sowie Arsène Wenger bei Arsenal (verliert zu viele wichtige Spiele) mit Problemen kämpfen, dominiert seine Mannschaft die Liga.

Bevor Conte vergangenen Sommer nach London kam, hat er die italienische Nationalmannschaft ins Viertelfinale der Europameisterschaft geführt. Das ist beeindruckender, als es klingt, die Mannschaft galt in Italien als das untalentierteste Team seit 50 Jahren. Auf dem Weg dahin besiegte sie Titelanwärter Belgien und warf Titelverteidiger Spanien aus dem Turnier, erst gegen Weltmeister Deutschland war im Elfmeterschießen Schluss. Davor trainierte Conte drei Jahre lang Juventus Turin – und wurde dreimal Meister. In den Jahren vor Conte landete Juve zweimal hintereinander auf dem siebten Tabellenplatz. Den ersten Meistertitel mit Juve hat er als die größte Leistung in seiner Karriere bezeichnet. Wie hat er das geschafft? Contes Abwehrchef bei Juve, Leonardo Bonucci, erklärte, Conte habe den Spitznamen "Der Pate" getragen, weil alle Spieler ihm so gebannt zuhörten. Conte selbst beschreibt den Teamgeist im ersten Jahr als Trainer in Turin so: "Hätte ich gesagt: 'Lasst uns alle vom Dach springen' – wir hätten das getan. So stark war der Glaube und die Einheit zwischen uns."

Ihm ist auch das Glanzstück gelungen, eine gute Atmosphäre in der Londoner Ansammlung von Megastars zu schaffen. Er gilt als hart, aber fair. Mittelfeldspieler wie Nemanja Matić oder Pedro, die in der vergangenen Saison schwächelten, oder der bereits abgeschriebene Außenverteidiger Victor Moses blühen unter Contes Ägide auf. Unruhe in der Kabine wird im Keim erstickt. Als Chelseas bester Torschütze Diego Costa im Winter mit einem gigantischen Angebot aus China liebäugelte, verbannte Conte seinen Stürmerstar auf die Tribüne. Eine Woche später war die Geschichte vom Tisch, Costa spielte wieder – und erzielte prompt ein Tor.

In der Minute vorm Anpfiff setzt sich Conte kurz auf die Trainerbank und winkt noch mal in Richtung seiner Tochter. Beim Anpfiff verfinstert sich seine Miene, er wird von nun an in und neben der technischen Zone am Spielfeldrand stehen, in der Trainer und Ersatzspieler sich aufhalten dürfen; er wird herumlaufen und dirigieren, mal brüllen, mal jubeln, heftig gestikulieren und vor allem angewidert in die Gegend schauen. Bei Liveübertragungen gibt es regelmäßig herrliche Bilder von Conte, wie er zu den Fans springt, Bälle wegschießt und am Spielfeldrand wie ein Linienrichter auf und ab rennt. Auch jetzt dauert es genau zwei Minuten, dann verlässt er das erste Mal den markierten Bereich. Als Chelsea wenig später eine gute Kontermöglichkeit durch einen Fehlpass misslingt, ruft er laut " Cazzo!" – "Scheiße!".

Der Chef auf dem Platz steht am Rand.