Zwanzig CDs zum 150. Geburtstag des Maestrissimo: Dass diese Essential Recordings nur Toscaninis gängigste Einspielungen versammeln, schmälert die Bedeutung der Edition kaum. Vorbildliche Aufnahmen, mit denen ihr streitbarer Interpret so ungemein nah an den Schöpfern ist, bietet sie genug: Verdis Otello und Falstaff in Gesamtaufnahmen (leider fehlt die Aida) nebst dem Rarum eines vierten Rigoletto-Aktes. Und Wagner in Auszügen, unschlagbar der Trauermarsch aus der Götterdämmerung. Vor allem aber – allein dafür lohnt sich die ganze Box – glänzt der Mitschnitt des Finales aus dem ersten Akt der Walküre mit Helen Traubel und Lauritz Melchior von 1941. Das ist stimmlich unvergleichlich wie auch in seiner gnadenlosen dirigentischen Akribie, der Hochspannung, der strukturellen Klarheit und Schwulstlosigkeit. Ein überwältigender Liebesakt, den Toscanini und das NBC Symphony Orchestra aus jedem Germanismus erlösen. Wäre diese Deutung für die Wagner-Rezeption Vorbild geworden, die Musikwelt hätte sich einiges erspart.

Aus Toscaninis RCA-Repertoire vermisst man seine wegweisende Interpretation der Siebten Symphonie von Schostakowitsch. Dafür entschädigt die elektrisierende Einspielung von Mozarts Haffner-Symphonie, deren Streicherdiktion in ihrer Verve und unerbittlichen Präzision unnachahmlich ist. Der Beethoven-Treffer (neben der Fünften und der Siebten) ist zweifellos die Vierte, gerade in der lasziven Spannung zwischen dem einleitenden Adagio und dem Allegro-vivace-Teil im ersten Satz. Überhaupt fühlt Toscanini sich im deutschen Repertoire hörbar zu Hause: Rasende Ouvertüren von Carl Maria von Weber, eine ziemlich undeutsche Rheinische von Schumann und Brahms’ Zweite Symphonie (die mancher wohl gern gegen die legendäre Dritte tauschen würde) belegen das.

Nicht immer entschädigt Toscaninis analytische Kraft für das Fehlen einer gewissen klanglichen Raffinesse (das man ihm gerne vorgeworfen hat), denkt man an den Impressionismus in Debussys La Mer oder in Ravels Daphnis et Chloé. Tschaikowskys Pathétique wiederum zeigt, was Pathos sein kann, wenn man nicht darin badet, sondern es spirituell erfasst. Dass ausgerechnet Toscaninis Aufnahme von Dvořáks Symphonie aus der Neuen Welt fehlt, ist fast ein bisschen tragisch, weil so symbolisch: An jene "neue Welt" hat der Maestro so feurig wie kindlich geglaubt, nachdem er sein Europa im Faschistendunkel untergehen sah.

Arturo Toscanini: The Essential Recordings (RCA)