Vor einem Jahr um diese Zeit hat Lina ständig geschwitzt, beim Zähneputzen, beim Mittagessen, bei den Hausaufgaben. "Die Luft in Singapur fühlte sich an wie warmes Badewasser", sagt die Neunjährige. Singapur ist ein Stadtstaat in Südostasien, der an Malaysia grenzt. Vier Jahre hat Lina dort gelebt. Als sie mit ihren Eltern und ihren beiden jüngeren Schwestern in die asiatische Großstadt gezogen ist, war sie noch im Kindergarten. Vor einem Dreivierteljahr ist sie mit ihrer Familie nach Deutschland zurückgekehrt. Und erst hier ist Lina aufgefallen, wie anders ihr Leben in Asien war.

In Singapur tragen alle Schulkinder eine Uniform, niemand muss sich morgens Gedanken machen, was er anziehen soll. Lina schlüpfte einfach in den kurzen schwarzen Hosenrock und das grüne Polohemd mit dem Logo der Schule vorne drauf. Lange Hosen, eine Jacke oder einen Pullover brauchte sie wegen der Hitze nie, an den Füßen trug sie Sandalen oder Flip-Flops. Sich nun jeden Morgen selbst Klamotten raussuchen zu müssen war anfangs ungewohnt. Aber inzwischen macht es Lina richtig Spaß, sich zu überlegen, was gut zusammenpassen könnte.

In ihrem asiatischen Leben hupte jeden Morgen um 7.05 Uhr der Schulbus vor der Haustür, und im Bus traf Lina immer viele ihrer Freunde. Jetzt fährt sie eine Viertelstunde mit dem Roller zur Schule: "Das mag ich echt gerne. Ich liebe die frische Luft am Morgen", sagt sie. "Nur wenn dieser kalte Regen anfängt, dann sehne ich mich zurück nach Asien."

Der Start in der neuen Schule war gar nicht so leicht. Linas Mitschüler in Hamburg sind schon seit vielen Jahren in einer Klasse, da muss man als "Neue" erst einmal dazwischenkommen und Freunde finden. An ihrer Schule in Singapur war es normal, dass ständig neue Schüler dazukamen. Wie Lina waren viele von ihnen mit ihren Familien aus anderen Ländern nach Asien gezogen, weil die Eltern dort für einige Jahre arbeiten wollten. Und genau wie bei Lina blieben viele Familien nur für drei bis vier Jahre.

Natürlich bringt das ganz schön viel Unruhe in eine Klasse, "jedes Jahr vor den Sommerferien habe ich gezittert, dass eine gute Freundin wegziehen könnte", sagt Lina. "Hier in Hamburg bin ich froh, dass mir die neuen Freundinnen, wenn alles gut läuft, erst mal erhalten bleiben." Mit zwei von ihnen trainiert Lina nun in einem Tennisclub. Und eine Theatergruppe besucht sie auch.

Sehr viel spannender als in Hamburg waren in Singapur die Frühstückspausen. "An der Lunchbox der Kinder konnte man direkt sehen, woher sie kommen: Die einen hatten japanisches Sushi dabei, die anderen indisches Chapati, indonesisches Nasi Goreng oder Nudelsuppe." Lina musste außerdem höllisch aufpassen, dass ihr Frühstück nicht stibitzt wurde. "Bei uns auf dem Schulhof gab es richtig freche Affen", erzählt sie. "Man musste immer gucken, dass sie einem nicht das Schulbrot wegschnappen."

Neben fremdem Essen und der dauernden Hitze gehören in Asien auch wilde Tiere zum Alltag. Obwohl es in der Stadt viele Hochhäuser und große, breite Straßen gibt, ist Singapur sehr grün, an manchen Stellen wuchert richtiger Urwald. Auf Tiger trifft man dort zwar nicht, aber Schlangen, Papageien, Waranen und Affen kann man beim Sonntagsausflug begegnen.

In Hamburg genießt Lina es, durch den Wald zu toben und dabei zu wissen, dass ihr höchstens mal ein Eichhörnchen oder ein Hase begegnet. Und dass sie bei Regen nicht sofort in Deckung gehen muss. In Singapur gibt es fast jeden Tag mindestens einmal einen ordentlichen Schauer. Es regnet dort kurz sehr stark, und meist folgt dann auch schnell ein Gewitter. Das kann selbst in der Stadt gefährlich sein und großen Schaden anrichten. "Aber daran gewöhnt man sich", sagt Lina. "So wie ich hier im Straßenverkehr mit dem Fahrrad aufpassen muss, stellt man sich dort bei Gewitter direkt unter. Das lernt jeder schon als kleines Kind."

Irgendwann möchte Lina ganz bestimmt wieder nach Asien reisen, aber jetzt genießt sie es erst einmal, sich mit der fremden Heimat wieder vertraut zu machen. "Ich freue mich gerade über all die Dinge, die ich nur aus Kinderbüchern und Liedern kannte." Im Winter waren das die Kälte, der Schnee und zugefrorene Seen. Und jetzt im Frühling sind es die Schneeglöckchen. Lina mag besonders, wie unterschiedlich die Jahreszeiten hier sind. Und dass es nun im Frühling endlich wieder länger hell ist und sie draußen mit ihren neuen Freunden spielen kann.