Knut zeigt mir heute Abend sein Bautzen, nebenbei besehen wir beide uns gegenseitig. Laufen die August-Bebel-Straße hoch, vorbei an prätentiösen Gründerzeitbauten. Nach etwa 50 Stunden Bekanntschaft stehen wir uns mit überdurchschnittlich großer Grundsympathie, aber auch einem gewissen Misstrauen gegenüber. Seines ist etwas stärker ausgeprägt, weil ich Journalist bin. Als ich mich am Telefon um das Zimmer bewarb und offen sagte, dass ich über die Zeit in Bautzen, somit auch die WG, schreiben werde, schluckte Knut kurz und bat um Bedenkzeit. Zwei Tage später sagte er zu. Weshalb, das weiß ich nicht genau. Ich glaube aber nicht, dass die 250 Euro Miete entscheidend waren.

Ein Geheimniskrämer ist Knut jedenfalls nicht. Er erzählt viel, schlüssig und schnell. Und scheint nicht gewohnt zu sein, dass ihm jemand über längere Distanzen zuhört. Was zugegeben gar nicht mal so ressourcenschonend ist. "Drück einfach den Overload-Button, wenn es dir zu viel wird, Dima."

Vorbei am putzigen Postplatz, mit den lustigen Bärchenstatuen und dem Haus der Sorben, kommen wir auf die Reichenstraße. Das Shoppingmeilchen, das zum Rathaus führt. Knut versucht einen Schlenker zur philosophischen Ebene von Harry Potter. "Overload." Die barocke Altstadt sieht nach jüngster baulicher Fürsorge aus. "Sehr liebevoll restauriert alles", bemerke ich. "Ja, Bautzen investiert sehr viel in seine Fassade. Verstehst du, Fassade, weil Häuser, aber auch Image?" – "Ja, Knut, ich hab’s gerafft. Du darfst deine Wortwitze nicht erklären, sonst sind es keine Witze mehr." – "Ach ja? Hier aufm Dorf mögen wir unsere Wortwitze aber gekaut", sagt Knut und grinst herausfordernd. Ich halte seinem Blick wohlwollend stand.

Als Zeichen seiner Anerkennung zeigt er mir den geheimen "Kiffspot" Bautzens. Ich muss versprechen, weder dessen Position noch Namen in der Zeitung zu erwähnen. Und obwohl ich das albern finde, ist das ein erster Vertrauenstest. Für den Typ von der Presse, der ja nur kurz da ist und wahrscheinlich eh nur Nazi-Schlagzeilen will. Damit die Gutmenschen aus Hamburg, Frankfurt am Main oder München auf Facebook selbstgerecht unter dem Artikel kommentieren können: "Bauzaun um Bautzen" oder "Failed city Bautzen!". Solange ich keine rechte Gewalt sehe, schreibe ich auch nicht über rechte Gewalt. Sondern entdecke diese kleine Schmuckstadt.

Denn hübsch ist Bautzen ohne jeden Zweifel. Rathaus von 1493 und Dom St. Petri gegenüber und Marktbrunnen des Ritters Dutschmann und Türme und Zinnen und herrliche Wasserspiele und feingeistige Laterneneinfassungen – genug mittelalterliche Romantik für Hunderte Gymnasiastengedichte. Ich wäre der Erste, der mit bebender Schillerlocke "In Bautzen leben" auf "Zum gülden Guten streben" reimt, wenn Knut nicht die ganze Zeit Nazi-Geschichten auspacken würde. Ich lenke das Gespräch auf empfehlenswerte Kneipen und Lokale. Für Knut gibt es zwei Sorten von Restaurants. Die, deren Chefköche er persönlich kennt, und die schlechten. Die altdeutsche Küche hier sei überragend deftig. "Aus dem Mönchshof kommst du als Kugel wieder raus." Vor dem deutsch-sorbischen Volkstheater ist die griechische Tragödie von Orest in Stein verewigt. Eine 65 Meter lange Figurenfront, die der Bildhauer Ernst Rietschel 1840 für den sächsischen König schuf. Knut weiht mich in das Dilemma des ewig heimatlosen Orest, "Sohn des Agamemnon und der Klytaimnestra", ein. Eigentlich verrückt, dass Knut nicht studiert hat. Er meint, seit man ihm in der Schule verboten habe, rückwärts zu schreiben (was ihm besser lag), sei sein Bildungsweg bergab gegangen. Und springt schnell zu seinen schönsten Schaukämpfen bei den Mittelalterfestspielen. Beim Signalwort kämpfen lädt er mich zu den Selbstverteidigungskursen ein, die er selbst leitet. Mit Selbstverteidigung befasst er sich seit dem Tag, als sieben vermummte Nazis vor seiner Tür standen und die Polizei seinen Notruf mit "Na und?" beantwortete.

Anschließend schildert Knut seine Strategie des tollwütigen Schakals. Der so geistesgestört vor den braunen Büffeln bellt, dass sie lieber auf einen für sie eigentlich unverlierbaren Kampf verzichten. ("Schreien habe ich hier bei unseren Mittelalterfestspielen gelernt.") Deswegen bedrängt mich inmitten der zauberhaften Zeitreise doch wieder die Frage: "Warum gehst du nicht einfach weg?" – "Ich habe ja schon in anderen Städten gelebt. Aber nirgendwo fühle ich mich so wie hier. Hier ist Heeme."

Inzwischen ist es halb elf, und wir laufen wieder über den Postplatz. Durch eine düster vernebelte Oktobernacht. Und mir liegt eine irgendwie krude Frage im Hals, die ich mit einer Mischung aus Neugierde und Provokation stelle:

"Kannst du dir ein Leben ohne Nazis überhaupt vorstellen? Sie scheinen deine natürlichen Antipoden zu sein."

"Ich hatte eben mein Leben lang mit ihnen zu kämpfen."

"Auch in diesem Moment? Hast du gerade Angst?"

Knut schaut sich um. Sieht fünf weiße junge Männer auf der anderen Straßenseite. In Jogginghosen mit weißem Schriftzug an den Hosenbeinen. Könnten von Lonsdale oder Landser sein. Der Merchandise von Bushido sieht aber auch so aus. Bomberjacken trägt inzwischen jeder. Und tief ins Gesicht gezogene Mützen sind selten Freundschaftsanfragen – weiß der Teufel, wie die politisch ticken.

"Ja. Angst habe ich hier immer. Das ist das Grundgefühl, mit dem ich leben muss. Und ich weiß nicht, was es mit mir macht." Pause. "Wollen wir die Tage schwimmen gehen?"