"Gänzlich unbrauchbar" sei dieses Manuskript, so urteilte Franz Kafka über sein 1922 entstandenes, letztes Romanfragment Das Schloss. Der Text sei da zum Geschriebenwerden, nicht zum Gelesenwerden. Jetzt, fast einhundert Jahre später, ist es auch da zum Gehörtwerden. Denn wieder einmal hat sich Klaus Buhlert über ein Stück Weltliteratur gebeugt, um es in ein Hörspiel zu verwandeln – nach Kafkas Process, den er 2010 zu einem großartigen Klangkunstwerk machte, nun also der neue Buhlert: zehn Stunden lang Das Schloss. Buhlerts Ausdauer bei der Hörspieladaption literarischer Klassiker ist verblüffend. Projekt um Projekt reiht sich aneinander – Buhlerts Gesamtwerk bleibt dabei auf gleichbleibend atemberaubendem Niveau. 2016 erhielt er nach vielen anderen Auszeichnungen dafür den Ehrenpreis der deutschen Schallplattenkritik. Ob James Joyce’ Ulysses, Melvilles Moby Dick, Cervantes’ Don Quixote, Musils Mann ohne Eigenschaften oder all die anderen Stoffe: Der 1950 geborene Komponist und Regisseur hatte nie Angst vor den literarischen Achttausendern. Weltliteratur scheint vielmehr für ihn eine animierende Droge zu sein, eine permanente Anregung zur konzentrierten Neuinterpretation im Studio.

Im Falle von Buhlerts Annäherung an Kafka ist das besonders interessant, zumal es das "zweite Mal" bei diesem Schriftsteller ist; kein anderer Autor wurde so ausführlich behandelt. Den Process hatte Buhlert 2010 nach der Stroemfeld-Edition umgesetzt, die sich der umstrittenen philologischen Lehre vom einzig wahren Faksimile-Druck verschrieben hat. Das heißt, es gab keine ordentliche Reihung der erzählten Kapitel, weil Kafka diese nicht endgültig festgelegt hatte – der Hörer konnte folgerichtig in Buhlerts Process ohne Lenkung entscheiden, was er als Nächstes hören wollte. Jetzt, beim vom Bayerischen Rundfunk produzierten Schloss, ist das anders; der Regisseur inszeniert die zwölf Teile des Fragments kontinuierlich nacheinander.

Der alltägliche Irrsinn des kleinen, unweit des mysteriösen Schlosses gelegenen Dorfes wird in seiner unterschwelligen Bedrohlichkeit sofort hörbar. Buhlert hat eine karge, fast fragmentarische Musik für Streicher und Klavier komponiert, die ab und an dezent expressiv aufblitzt. Im Mittelpunkt steht das herausragende Sprecher-Ensemble. Zum ersten Mal hat Devid Striesow mit Buhlert gearbeitet: Er spricht den Landvermesser K., der für eine neue Stelle ins Dorf kommt und zusehends irritiert ist vom undefinierbaren bürokratischen Irrsinn, der vom Schloss aus sich über die drei Gassen legt. Striesow hört sich an wie ein zunächst naiver Parsifal, der sich als Querulant gegen die unhinterfragbare Ordnung erweist. Erlösung aus der eigentümlichen Bedrohung allerdings ist bei Kafka nicht vorgesehen, vergeblich drängt es K. zum Schloss. Ansonsten hören wir Stimmen, die uns aus früheren Buhlert-Produktionen vertraut sind: Corinna Harfouch und Margit Bendokat als Wirtinnen der zwei Gasthöfe, Sandra Hüller als verfemte Olga; Jens Harzer spricht die beiden skurrilen Gehilfen, die K. zugebilligt werden.

Die Atmosphäre düsterer Vergeblichkeit liegt über allem. Die Geschichte verschwindet im Strudel der absurden Dialoge, bis zum grandiosen Finale. "Das Geheimnis steckt in den Vorschriften." Dieser Satz könnte als Motto über jener aussichtslosen Welt stehen, in der die Menschen wie durch Fäden aneinander gefesselte Marionetten agieren. Klaus Buhlerts Kunst vermag es, Kafkas auswegloses Labyrinth als zeitloses Gefühl hörbar zu machen.

Franz Kafka: "Das Schloss"; Hörspiel; der Hörverlag, München 2017; 12 CDs, 615 Min., 49,99 €