DIE ZEIT: Herr Petraeus, bis vor Kurzem noch schien es, als wolle Donald Trump Sie unbedingt in seine Regierung holen. Warum sprechen wir jetzt nicht mit Ihnen als neuem Außenminister oder Nationalem Sicherheitsberater, sondern als Privatperson?

David Petraeus: Weil der Präsident der Vereinigten Staaten Leute gefunden hat, die seiner Meinung nach diese Jobs besser machen.

ZEIT: Präsident Trump hat angekündigt, den amerikanischen Wehretat um zehn Prozent, also um etwa 54 Milliarden Dollar aufzustocken. Er fordert auch eine Erhöhung der Militärausgaben der Nato. Schon jetzt geben die westlichen Bündnispartner mit rund 900 Milliarden Dollar dreimal so viel für ihre Armeen aus wie Russen und Chinesen zusammen. Warum also noch mehr Geld?

Petraeus: Weil all unsere Analysen ergeben haben, dass wir in einigen Bereichen nicht gut gerüstet sind. Wir müssen in die schnellere Verlegung von Truppen und in die Zukunft investieren. Amerika genießt nicht den Luxus, nur seine eigenen Grenzen oder nahe gelegene Gebiete verteidigen zu müssen. Die Vereinigten Staaten sind eine globale Macht und trotz des wachsenden Einflusses von China auch immer noch die einzige militärische Supermacht. Aber die wachsenden Gefahren können wir nicht alleine bewältigen. Das heißt, auch unsere Nato-Verbündeten müssen mehr leisten und ihr Versprechen erfüllen, bis 2024 zwei Prozent ihres jeweiligen Bruttoinlandsprodukts für die Verteidigung aufzubringen.

ZEIT: Präsident Trump will zusätzliches Geld fürs Militär durch Kürzungen in der Entwicklungshilfe und im Außenministerium beschaffen. Schießen statt schlichten – eine tödliche Formel?

Petraeus: Diplomatie ohne eine starke Armee im Rücken ist wie Baseball ohne Schläger. Das Gegenteil stimmt aber ebenso: Ein mächtiges Militär ohne Diplomatie geht auch nicht. Das ist wie Baseball ohne Ball. Zivile und militärische Kräfte müssen gleichermaßen berücksichtigt werden. Ich ziehe aus fünfzehn Jahren Einsatz im Mittleren Osten vier Schlussfolgerungen: Erstens, Räume, die Regierungen nicht mehr kontrollieren können, werden von Extremisten besetzt. Zweitens, Staaten, in denen sich Extremisten ausbreiten, können dem Terror nicht Einhalt gebieten. Drittens, im Kampf gegen den Extremismus wird Amerika in vielen Fällen führen müssen. Viertens, zivile Maßnahmen sind ebenso wichtig, denn der Kampf gegen den Terror lässt sich nicht allein mit Waffen gewinnen.

ZEIT: Trump sagt, er will den IS vom Erdboden tilgen. Ist das nicht zu viel versprochen?

Petraeus: Das ist in der Tat ein sehr hoch gestecktes Ziel. Es wird weiter terroristische Restgruppen geben – und ebenso das virtuelle Kalifat: Der IS, Al-Kaida und andere Extremisten werden im Cyberspace präsent bleiben.

ZEIT: Donald Trump sagt, Amerika müsse auch aufrüsten, damit es wieder Kriege gewinnen könne. An welchen nächsten Krieg denkt er?

Petraeus: Es geht nicht um den nächsten Krieg, sondern um die offensichtliche Enttäuschung darüber, dass wir zum Beispiel damals im Irak zwar dank der Aufstockung der US-Truppen die Gewalt in einigen besonders betroffenen Regionen um 85 Prozent senken und auf einem niedrigen Niveau halten konnten, dann aber zusehen mussten, wie diese Erfolge später wieder zunichtegemacht wurden.

ZEIT: Ein Krieg, der nie hätte geführt werden dürfen?

Petraeus: Inzwischen ist die Lage im Irak besser und unser Einsatz wieder nachhaltiger. Nur noch 6000 US-Soldaten unterstützen die inzwischen weit besser ausgebildeten und ausgerüsteten irakischen Einheiten – im Vergleich zu 165.000, die seinerzeit auf dem Höhepunkt der Aufstockung unter meinem Kommando standen.

ZEIT: Beweist das bereits die Nachhaltigkeit? Die Lage im Irak ist nach wie vor sehr fragil.

Petraeus: Kriege werden nicht mehr geführt, indem man einen Hügel erobert, die Fahne darauf pflanzt und dann zur Siegesparade nach Hause fliegt. Es geht in den Kriegen von heute um einen langjährigen Einsatz, um den Krieg nach dem Krieg. Es geht zum Beispiel im Irak auch darum, die sunnitischen Araber wieder an der Gesellschaft und der politischen Macht teilhaben zu lassen. Auch in Europa sind wir nachhaltig. Eben erst haben wir dort unsere Truppen durch eine weitere bewaffnete Brigade verstärkt, eine Maßnahme, um dem wiedererstarkten Russland die Stirn zu bieten.

ZEIT: Das geschah noch unter Präsident Obama. Unterschätzt Nachfolger Trump Russland?

Petraeus: In seiner Regierung sitzen Minister, die einen sehr klaren Blick für die russischen Gefahren haben – aber ebenso für mögliche Chancen der Zusammenarbeit. Selbst im Kalten Krieg haben wir miteinander gesprochen und mehrere Abrüstungsverträge geschlossen. Solange wir eine sehr realistische Sichtweise auf Putin und seine Ziele bewahren, sollten wir uns vor einem strategischen Dialog mit ihm nicht fürchten.